Die Kunst der Übersetzung
Zu „Chapter Five/Ceiling“ von Andrea von Lüdinghausen und Mareike Poehling

Michael Stoeber

Sich das Leben als Reise vorzustellen ist eine alte Metapher. Um sie mit Sinn zu erfüllen, muss man sich nicht unbedingt auf einen Ortswechsel einlassen, aber es kann auch nichts schaden. Marcel Proust hat gesagt, dass man die besten Entdeckungsreisen macht, indem man die Welt mit anderen Augen betrachtet. Und bei Gottfried Benn lesen wir: „Ach, vergeblich das Fahren! / Spät erst erfahren Sie sich: / bleiben und Stille bewahren / das sich umgrenzende Ich.“ Andrea von Lüdinghausen und Mareike Poehling haben sich für ihre Kunst eine ähnliche Dialektik des Reisens zu eigen gemacht. Sie tun beides. Sie brechen auf und verweilen. Für ihr internationales Kunstprojekt ROOMS TO LET reisen die beiden Künstlerinnen im Geist und in der Wirklichkeit, sind in der Welt unterwegs und bleiben zuhause in Hannover, haben das Bekannte und Unbekannte im Blick. Seit 2017 nutzen sie weltweit Zimmer in Hotels, Pensionen und Gästehäusern, um in ihnen gemeinsam künstlerisch zu arbeiten und auszustellen. Wobei sie vierhändig operieren und in der gemeinsamen Aktion die individuelle Handschrift verwischen und eine kollektive Autorschaft anstreben und realisieren. Die fünfte Station von ROOMS TO LET firmiert als „Chapter Five/Ceiling“ und hat in Hannover stattgefunden. Sie ist thematisch der Kunst des Übersetzens gewidmet, in einem ebenso allgemeinen wie spezifischen und selbstreferentiellen Sinn.

Zusammengearbeitet haben sie bei diesem fünften Kapitel ihres Unternehmens mit der mongolischen Künstlerin Bayartsetseg Dashdondov. Weil sie in ihr eine Geistesverwandte erkannten, haben sie bereits mit ihr kooperiert, als sie mit ROOMS TO LET 2018 in Ulanbaatar zu Gast waren, und sie danach zu sich nach Hannover eingeladen. Dashdondov hat zum Thema des Übersetzens konkret mit einem Text von Samuel Beckett beigetragen, „Ceiling“, den sie im Laufe ihrer künstlerischen Recherche entdeckte und ins Mongolische übersetzen ließ. Andrea von Lüdinghausen und Mareike Poehling ließen den Text ihrerseits ins Deutsche übersetzen. Er lag bis zu dieser Initiative der drei Künstlerinnen lediglich in englischer und natürlich in französischer Sprache vor, seiner Urform („Plafond“). Beckett hatte den kurzen Prosatext 1981 für einen engen Freund, den Künstler Avigdor Arikha, geschrieben. Er wurde in einem seiner Kunstkataloge publiziert. Nicht der einzige Text, den Beckett für Künstler geschrieben hat. Man denke nur an seine Essays für Bram van Velde und dessen Malerei. Kein Wunder also, dass „Ceiling“ auch die drei Künstlerinnen berührt hat. Umso mehr Beckett so musikalisch, rhythmisch und reduziert, kurz, so kunstvoll schreibt, dass es leicht wird, sich als Künstler mit ihm zu identifizieren. Die Verbundenheit mit dem Text haben Dashdondov, von Lüdinghausen und Poehling auch durch eine abschließende Performance zum Ausdruck gebracht, in der sie dreistimmig und synchron die drei Übersetzungen von „Plafond“ vorgetragen haben.

Dass Thema des Übersetzens berührt aber nicht nur den Beckett-Text, sondern die Kunst selbst. Jede Kunst ist schon immer eine Kunst der Übersetzung, selbst wo sie dem Prinzip der Mimesis folgt. Aber natürlich ist das noch viel stärker in der Moderne der Fall, in der Marcel Duchamp mit der Einführung des Readymade die Sprache der Kunst grundlegend verändert und revolutioniert hat. Auch die skulpturalen Interventionen von Andrea von Lüdinghausen und Mareike Poehling operieren im Geiste von Duchamp, wobei sie den Künstler mehr als einmal, um mit Marx zu sprechen, „vom Kopf auf die Füße stellen“. Wenn bei Duchamps Readymades das Museum die Bedeutung seiner Alltagsobjekte verändert, determiniert und durch eine Art von artistischer Transsubstantiation zu Kunst macht, so adeln von Lüdinghausens und Poehlings Eingriffe und Interaktionen den jeweiligen Raum und machen ihn durch Texte, Bilder, Filme, Fotos und Objekte zum Kunst-Ort, den sie dem Besucher zu tieferer Einsicht überlassen und anvertrauen. ROOMS TO LET erfährt hier im Wortsinn eine entscheidende semantische Volte. Eine Definition, die weit über eine Werbung zum Übernachten hinausgeht. Wobei die Allianz von kulturellen Objekten aus dem Archiv der Künstlerinnen und Fundstücken aus dem Land, in dem sie sich bei ihrer Aktion gerade aufhalten, noch für eine weitere Übersetzung im Geist der Toleranz sorgt.

Dem fünften Kapitel im Hotel Schwarzer Bär in Hannover und der Ausstellung von Bayartsetseg Dashdondov im AD/AD Project Space ist der Text „Ceiling“ von Samuel Beckett zentral eingeschrieben. Er enthält in nuce die Philosophie des Dichters. Die Menschen werden geboren, und sie sterben. Das sind die unerschütterlichen Fixpunkte ihrer Existenz. Dazwischen liegt ihr Leben. Es muss von ihnen gelebt werden, aber es hat keinerlei Sinn. Pozzo in „Warten auf Godot“, Becketts berühmtestem Theaterstück aus dem Jahre 1952, findet dafür das entsprechende Bild: „Sie gebären rittlings über dem Grabe, der Tag erglänzt einen Augenblick und dann von neuem die Nacht.“ Was der Mensch in „Ceiling“ bei seiner Geburt mit halbblinden Augen erblickt ist etwas Weißes. Es kann im Englischen dem Wortsinn nach das Weiß der Decke seines Zimmers oder auch das Weiß der Wolkendecke über ihm sein. Ist er erst in der Lage, näher und schärfer hinzuschauen, erkennt er es als ein „dull white“, am Besten mit einem „trüben Weiß“ im Deutschen wiederzugeben, klingt in dem Adjektiv „dull“ doch die auf Moll gestimmte Tonart des vor ihm liegenden Lebens an. Der Mensch weiß nicht wirklich, warum er eigentlich lebt. Die fundamentalen philosophischen Fragen des Woher, Wohin und Wozu bleiben im Prinzip unbeantwortet. Über Antworten kann er nur spekulieren. Es geht darum, das Leben zu ertragen und auszuhalten. Wenn möglich, mit jedem Tag und jedem Atemzug etwas besser. Das ist der Sinn der Maxime: „Alles seit je. / Nie was anders. / Immer versucht. / Immer gescheitert. / Einerlei. /Wieder versuchen. / Wieder scheitern. / Besser scheitern.“

Diese lakonische Zeilen Becketts aus „Worstward Ho“ (1983) markieren in fast schon sprichwörtlicher Weise eine Haltung dem Leben gegenüber, die man als heroisch bezeichnen könnte. In Fortsetzung einer Glaubenshaltung wie die des Heiligen Augustinus, dem das Wort zugeschrieben wird: „Credo quia absurdum.“ Der glaubte an Gott, weil ihm sein Glaube absurd erschien. Wobei Beckett nichts Metaphysisches kennt, an das er glauben mag. Was seine trotzige Hinnahme eines als sinnlos empfundenen Lebens umso bewunderungswürdiger macht. Er beharrt darauf, weiter zu leben und zu atmen – „Endless breath“ – mit dem Willen, am Ende „besser zu scheitern“. Wobei der letzte Satz von „Ceiling“ am Tor zum Tod sogar so etwas wie eine Ode an das Leben darstellt. Hat der Dichter zuvor noch, etwa in der Mitte seines Textes, seiner Furcht Ausdruck verliehen, er könnte, aufs Rad der Wiedergeburt gebunden, irgendwann noch einmal zur Welt kommen – „With dread of being again“ –, was für die Buddhisten keine Unmöglichkeit darstellt, so spricht Beckett nun von der Wirklichkeit als „Dread Darling sight“. Furcht und Schrecken wie Liebe und Entzücken halten sich bei dem, was er sieht, die Waage. Mag die postmetaphysische Welt Becketts auch keinerlei Sinn und Bedeutung haben, sie scheint doch nicht ohne Zauber und Schönheit zu sein.

Ein solcher Charakter klingt auch im Höllenbild einer ewigen Nacht des Pozzo an, in dem der Tag „erglänzt“, wenn auch nur für einen Augenblick. Dass es das Leben zu leben gilt, ohne Begründung und sine ira et studio, markiert das sich wiederholende „On“ in „Ceiling“. Noch deutlicher bringt Beckett das in seinem Theaterstück „Atem“ (Breath) zum Ausdruck, einer nur etwas 35 Sekunden langen Szene. Da es ohne Protagonisten, Handlung und Text auskommt erschöpft es sich in einer bloßen Regieanweisung: „Dunkel. Dann 1) schwache Beleuchtung der Bühne, auf der verschiedenartiger, nicht erkennbarer Unrat herumliegt. Etwa fünf Sekunden lang. 2) Schwacher, kurzer Schrei und sofort danach gleichzeitig Einatmen und allmählich aufhellende Beleuchtung bis zu dem nach etwa 10 Sekunden gleichzeitig zu erreichenden Maximum. Stille, etwa fünf Sekunden lang. Ausatmen und gleichzeitig allmählich dunkelnde Beleuchtung bis zu dem nach etwa zehn Sekunden gleichzeitig zu erreichenden Minimum (Beleuchtung wie bei 1) und sofort danach Schrei wie vorher. Stille, etwa fünf Sekunden lang. Dann Dunkel.“ Auch hier ist das menschliche Leben zwischen dem Geburts- und Todesschrei nicht mehr als ein kurzes Werden und Vergehen im sinnlosen Chaos der Welt.
Das Stück „Atem“ zeigt Beckett als Meister der Reduktion. Indem es nur einen einzigen Atemzug thematisiert, ist es das kürzeste Kunstwerk, das sich denken lässt. Der Atemzug steht metonymisch für das menschliche Leben und in dieser Perspektive taucht der Atem – breath – auch in „Ceiling“ auf. In „Chapter Five“ von ROOMS TO LET geben Andrea von Lüdinghausen und Mareike Poehling weitere Hinweise auf Werke von Samuel Beckett. Es handelt sich dabei um die minimalistischen Fernsehstücke „Quadrat I + II“, die der Dichter in den 1980er Jahren für den Süddeutschen Rundfunk realisiert hat. Vier Akteure, in farbige Kutten gekleidet, huschen in „Quadrat I“ nach einem strengen Bewegungsmuster um ein unheimliches Loch herum über die orthogonale Bühne. In „Quadrat II“ tragen sie dabei graue Kutten, als sei das Leben bereits vergangen und der Tod in Form des Loches näher gerückt. Das Leben folgt sich wiederholenden Ritualen, was der von Beckett geschätzte Philosoph Arthur Schopenhauer als sein semper idem bezeichnete. Darauf weist in unnachahmlicher Weise bereits der erste Satz in Becketts erstem Roman „Murphy“ aus dem Jahre 1939 hin, in dem es heißt: „Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues.“
Ebenso desillusioniert wie ironisch macht Beckett sich dort gleichsam en passant über den Sinnspruch „Es gibt nichts Neues unter der Sonne“ lustig und setzt ihn zugleich ins Recht. Noch prägnanter als die fabelhafte Übersetzung von Elmar Tophoven ist das Original: „The sun shone, having no alternative, on the nothig new.“ Der Atem und die Bewegung, die alle Kunstäußerungen Becketts bestimmen und beleben, sind auch für die Werke der drei Künstlerinnen wichtig, die sich in ihrer gemeinsamen Aktion zu einer Hommage Becketts zusammengeschlossen haben. Für Andrea von Lüdinghausen und Mareike Poehling in prägnanter Weise, wenn sie in „Chapter Five“ von ROOMS TO LET ein abstrahiertes Zitat aus dem Andy Warhol-Film „Sleep“ zeigen, in dem der ruhige Atem des Schlafenden als élan vital die deutliche Grenze zum Tod markiert. Nicht von ungefähr ist Hypnos, der Gott des Schlafes, mythologisch ein Bruder von Thanatos, dem Gott des Todes. Auch für Bayartsetseg Dashdondov spielt der Atem in ihrer Kunst und in ihrem Leben eine große Rolle. Die feinen Striche, aus denen sie ihre Zeichnungen fertigt, folgen dem Rhythmus ihres Atems. Zudem sind ihre Motive oft Blätter eines Baums, der die Vorstellung eines Lebensbaums in Anschlag bringt. Die „zweierlei Gnaden“, die Goethe mit dem Atmen verbindet, gelten für die Künstlerinnen nicht weniger als für Samuel Beckett. Immerhin lässt er seinen Protagonisten Pozzo auch sagen: „Die Tränen der Welt sind unvergänglich. Für jeden, der anfängt zu weinen, hört ein anderer irgendwo auf. Genauso ist es mit dem Lachen.“

 

Dieser Text entstand zur Ausstellung Chapter Five / Ceiling von ROOMS TO LET mit Godo Dashdondov Bayartsetseg, 2019.

ZEICHNEN, UM ZU ZEICHNEN –
ÜBER DIE ZEICHNUNGEN IM WERK
VON BAYARTSETSEG DASHDONDOV

 

Von Anne Prenzler

 

 

Im Zentrum der künstlerischen Arbeit von Bayartsetseg Dashdondov steht die zeichnerische Beschäftigung mit dem Blatt des Bodhi Baums, der in vielen Regionen Asiens als heilig gilt; denn Buddha hat der Überlieferung nach unter diesem Baum den Moment des „Erwachens“ erlebt. Bayartsetseg Dashdondov zeichnet seine Blätter, immer und immer wieder, über Jahre und täglich. Sie erwachsen aus feinen, parallelen Linien: dicht an dicht, ohne sich zu berühren, präzise und zugleich lebendig – in immer neuen Variationen.

Es gibt engste Zwischenräume, an denen sich die Linien fast berühren, und Bereiche, in denen die Abstände sich weiten, Veränderungen und Akzente in Farbe und Material. Mitunter verbirgt sich ein Goldfaden – in einer Linie. Es bilden sich Öffnungen, Risse und Faltungen. Manche Zeichnungen entfernen sich vom Motiv des Blattes. Linien umkreisen eine runde Leere, halten sie frei und erzeugen sie zugleich. Andere erschaffen Objekte, die schweben, sich lösen wollen und gehalten werden können. Die Zeichnungen sind zugleich Meditationen über die Linie. Entstehungsprozess und Wirkung fallen offenbar in eins. Aus ihnen spricht Ruhe und Konzentration im Sinne der buddhistischen Haltung des Geistes im ZEN. Symbolisch betrachtet steht die Linie zugleich für die Lebenslinie oder den Lebensfaden, wie wir ihn aus der griechischen Mythologie kennen.

Die Zeichnungen sind Kern und Ausgangspunkt der Serie „мод / TREE“, deren fünfte Ausgabe in Hannover als Teil der KUBUS FREISPIEL-Ausstellung „ROOMS TO LET – Chapter Five / Ceiling: Andrea von Lüdinghausen, Mareike Poehling, Bayartsetseg Dashdondov“ zu sehen war. In allen Ausstellungen der Reihe TREE I-V treten zu den Zeichnungen jeweils weitere Elemente hinzu: ein LAB als Ort, an dem die Besucher*innen selbst aktiv werden können, indem sie z.B. ein Herbarium mit Blättern des Bodhi Baums zur Verfügung haben wie in TREE I oder eine Kalligraphie zeichnen können wir in TREE V. Weitere Bestandteile sind jeweils performative Arbeiten und deren filmische Dokumentationen.
Ein Element der Installation in Hannover ist die Dokumentation einer Performance auf einem Steinfeld in der Nähe von Ulaanbaatar, eine kontemplative Arbeit über den Klang von Stein und Holz, die zugleich einen weit entfernten Ort in den Ausstellungsraum transferiert. Außerdem finden sich in den TREE-Ausstellungen jeweils gefundene Objekte, die aus der Stadt stammen, an dem die Ausstellung stattfindet. In diesem Fall aus Hannover ein dickes Buch, deren umgeschlagenes Cover die Seiten in einer Weise auffächert, dass sein skulpturaler Charakter hervortritt, sowie ein Kissen, das zum Sitzen und Meditieren einlädt.

Zur Ausstellung in Hannover fand ebenfalls eine Performance statt: die Lesung des Textes „Ceiling“ von Samuel Beckett, ein kleines Prosastück, das Beckett für Avigdor Arikha, einen befreundeten Künstler, schrieb. Auf Facebook findet sich dazu der Verweis auf einen Talk, der die phonetische Nähe des Wortes “white“ der sich wiederholenden Zeile “On coming to the first sight is of white” zur Phonetik von “breath” und zur Phonetik des Atmens thematisiert. Der Atem kann hier zum einen als Sinnbild für Leben und Tod im Sinne einer existenzialistischen Haltung à la Beckett verstanden werden und er schlägt zudem eine Brücke zur asiatischen Auffassung vom Atmen als Basis allen Seins. In der performativen Lesung von „Ceiling“ in der Ausstellung „мод / TREE V“ verbindet sich das Motiv des Atmens mit dem des Sprechens. Und zwar in verschiedenen Sprachen: Mareike Poehling, Andrea von Lüdinghausen und Bayartsetseg Dashdondov lesen den Beckett-Text zeitgleich auf deutsch, englisch und mongolisch. Die Performance bietet die Erfahrung einer babylonischen Sprachverwirrung und ist zugleich eine Erforschung von Rhythmus und Phonetik. In bester Beckett- Tradition handelt die Performance auch vom Misstrauen und vom Zweifel an der Sprache. Zugleich thematisiert sie das Ineinandergreifen der Kulturen.

Das Ineinandergreifen von Kulturen und künstlerischer Ansätze und Arbeiten spielt auch im mehrteiligen Projekt ROOMS TO LET von Mareike Poehling und Andrea von Lüdinghausen eine zentrale Rolle. Das gemeinsame Arbeiten ist dabei essentiell. „Chapter Five / Ceiling“ basiert auf einer voran gegangenen Kooperation mit Bayartsetseg Dashdondov in Ulaanbaatar.

Mareike Poehling und Andrea von Lüdinghausen nutzen überall auf der Welt transitorische Räume wie Hotelzimmer, Pensionen oder Guesthouses für Produktion und Ausstellung. Sie verändern in den Räumen vorhandene Dinge und bringen dazu Materialien aus ihren Archiven sowie in der jeweiligen Stadt gefundene Objekte ein. So entstehen in gemeinsamer Autorinnenschaft skulpturale Raumszenarien, die von der Instabilität der Wirklichkeit und vom Zweifel an ihrer Verlässlichkeit handeln.

In Hannover findet ROOMS TO LET im Hotel Schwarzer Bär seinen Raum. Die Zusammenarbeit von Bayartsetseg Dashdondov, Mareike Poehling und Andrea von Lüdinghausen bringt ihre künstlerischen Arbeiten miteinander in echten Kontakt. Für die Ausstellung TREE V von Bayartsetseg Dashdondov, die im dem Hotel gegenüberliegenden ad/ad – Project Space stattfindet, hat Mareike Poehling die Arbeit THE TRIP beigesteuert, die ebenso beiläufig wie komplex über das Reisen und das Transferieren von Dingen erzählt. Andrea von Lüdinghausen fügt die Arbeit DIVIDE ein, eine geöffnete rostige Schere im Glas, die sich auf schwer zu fassende, aber doch zwingende Weise assoziativ mit den Linienführungen der Zeichnungen von Bayartsetseg Dashdondov verbindet. Bayartsetseg Dashdondov wiederum hat im Hotelzimmer von ROOMS TO LET ein Gedicht auf einem großen, zusammen gefalteten Papier hinterlassen, das dort wie ein frisches Bettlaken im Schrank ruht. Wer es entfaltet und die mongolische Sprache beherrscht, liest über „einladende nähfenster“ und „blinde häuser“, über „schlafende halluzinationen“. Der Text handelt vom Sprechen über die Dinge, von Gefühlen, von Abwesenheit und von Leere. Ohne mongolische Sprachkenntnisse erzählt die Arbeit etwas über das Verborgensein, über ein Lesen ohne Verstehen, über ein Schreiben ohne Ziel. Und sie handelt von der Abkehr einer scheinbar immer zwingenden Zielorientierung, von einem Vertrauen in das Tun, um seiner Selbst willen. Die Arbeit steht für ein Dichten, um zu dichten, so wie die Performance zu „Ceiling“ für ein Sprechen, um zu sprechen steht – und die Zeichnungen von Bayartsetseg Dashdondov für ein Zeichnen, um zu zeichnen – das dabei doch eine ganze Welt öffnet. Das mit gleichbleibend feinen Linien von Mehr und Weniger handelt, von Anwesenheit und Abwesenheit, von Beständigkeit und Veränderung.

 

Dieser Text entstand zur Ausstellung Chapter Five / Ceiling von ROOMS TO LET mit Godo Dashdondov Bayartsetseg, 2019.