Chapter Six / evrop’a / research

Europa, das kann man nicht oft genug wiederholen, ist kein Ort, sondern eine Idee. Europa ist nicht eine Kategorie des Seins, sondern des Geistes.“ Bernard-Henri Levy/Le Point/1995

„Es gehört zur Arbeitsweise von ROOMS TO LET, die Grenzen, besonderen Geschichten, Details, Atmosphären und Widerstände des Ortes herauszuarbeiten, zu transformieren und in spezifische Formen zu gießen. Wir durchleuchten den Raum aus der Perspektive unserer Arbeiten und stellen neue Fragen aus verschobener Sicht.“ MANIFEST, ROOMS TO LET, 2017

ROOMS TO LET untersucht in seinem sechsten Kapitel Räume in evrop’a. evrop’a ist die georgische Schreibweise für Europa.

evrop’a ist für uns Chiffre für einen schwer zu greifenden Raum. Für eine Idee, ein Konglomerat, das wechselhaft und lebendig ist, verhärtet an vielen Stellen, ausgefranst an anderen, das aus der Mitte heraus ganz anders aussieht als von den Seiten betrachtet.
ROOMS TO LET ist auf der Suche – nicht nach einem Europa der glänzenden Oberflächen, sondern nach instabilen Orten, offenen, flüchtigen und fragilen Orten, nach Bruchstellen und Veränderungen. Auf der Suche nach Orten, die sich häuten, die wachsen, kippeln, die sich immer wieder neu erfinden.
Diese Orte formen evrop’a – wir suchen seine Geschichten, Details, Atmosphären und Widerstände.

Unter der Beteiligung vieler verschiedener Menschen entsteht ein „Atlas instabiler Orte“.

Die zentralen Fragen, die wir gestellt haben, sind:
– Gibt es für Dich einen oder mehrere instabile Orte Europas?
– Warum ist dieser Ort aus Deiner Sicht instabil?

Lisa Busche

Und wir waren viel in Belgien. Meine Tante lebt seit über 50 Jahren in Brüssel und hat mit ihrem langjährigen Lebensgefährten eine Wohnung am Meer, in Oostduinkerke, die wir nutzen können, wenn wir möchten. Von Köln ist es ja gut zu erreichen und wir haben diesen Ort sehr liebgewonnen.
Es ist diese Küste, die als „verbaut“ gilt, mit vielen Hochhäusern und in einem dieser Hochhäuser befindet sich die Wohnung (im 7. Stock).
Aus der Wohnung hat man einen tollen Blick: Man sieht nur Meer und Sand. Ebbe und Flut sind dort ja extrem. Das Meer ist manchmal ganz weit weg, dann wieder nah. Es gibt sehr viel Platz, es ist nie voll.
In der Wohnung sah es bis vor Kurzem aus wie 1970, inklusive Sand und Salz, das sich im braunen Teppich festgesetzt hatte.
Im letzten Sommer fiel mir auf, als ich an der Promenade des Ortes langging, dass die Hochhäuser mittlerweile ein Alter erreicht haben, wo man sie wieder schön findet. Sie erinnern zum Teil fast ein wenig an das Bauhaus.
Und das fand ich interessant: dass der Blick auf die immer gleichen Dinge sich ändern kann. Dass allein durch das Vergehen von Zeit ein neuer Blick und eine neue Wertschätzung entstehen können. Und das würde ich quasi als Gegenstück zu Eurer Frage antworten können. Für mich ist nicht der Ort instabil, sondern unser Blick auf die Orte kann instabil sein, also sich ändern und wandeln.
Obwohl die Orte dieselben bleiben.

Victoria del Valle

Es gibt vielerorts Instabilität in Europa, keine Frage. Ein schönes, vielschichtiges Wort, übrigens. Mir kam das Ruhrgebiet in den Sinn. Sofort. Vielleicht aus biografischen Gründen. Und zwar ganz konkret die Steeler Straße. Und so sieht sie aus, die Steeler Straße: Das Bild habe ich aus dem Internet kopiert: https://www.nts-plan.de/de/projekte/strassen–und-verkehrsplanung/?showProjectDetails154=85 (27.04.2020)
Das einzig Stabile in dieser Straße ist das Eulenspiegel. Ein Filmkunsttheater. Dort war ich auch mal eine ziemlich stabile Stammkundin. Mein Lieblingskino.
Und warum dieser Ort instabil ist…?
Naja, diese Straße ist einfach unglaublich lebhaft. Sie verändert sich unfassbar viel.
Früher, da gab es Ausländer auf dieser Straße. Das klingt jetzt politisch unkorrekt, ist es aber nicht. Ich verzichte mit Absicht auf das wohlwollende Wort „Migranten“, weil die Menschen, die ich meine, die auf und um die Steeler Straße wohnten, wie ich einst, eben klassische Ausländer waren. So hießen wir früher. Die meisten davon sind jetzt aber schon etwas älter oder tot.
Es gab Cowboys und -girls. Die lebten dort auf der Steeler Straße. Die waren einfach immer da. Egal, wann du durch die Straße musstest. Da waren sie. Mit oder ohne Hut. Mit oder ohne Gaul. Meist voll betrunken natürlich und oft auch in Saloon-Konflikte verwickelt. Da gab es noch Kneipen und Casinos auf der Steeler Straße.
Jetzt gibt es Friseursalons. 1000 Stück, mindestens. Von Alissa bis Freshcut. Alles dabei. Nur halten die sich nicht lange. Logisch. Obwohl die Gabi, die hat ihre Stammklientel, die ganzen Omas von der Südseite.

Jetzt gibt es ohne Ende Bäckereien. Es könnte das Bäckereimekka Essens sein. Von der türkischen Konditorei über Bäcker Peter bis zum Araber-Brot. Alles!

Und ohne Ende Apotheken gibt es.
Naja, und Autos gibt es auch. Viel zu viele.
Und Banden. Ja, echt! Es wird gemunkelt, dass es libanesische und albanische Großfamilien sind. Die mögen sich wohl nicht so sehr. Einmal gab es sogar eine Schießerei. Mitten auf der Steeler Straße. Stellt Euch vor! Aber die Steeler Jungs, die gibt es noch oben drauf, die sorgen für Ordnung. Auf der Steeler Straße. Na dann: Glück auf!

Die Instabilität als Veränderung auf der Steeler Straße stimmt von innen betrachtet wohl eher nostalgisch und ist ein wenig beängstigend.
Die Instabilität als Veränderung von außen betrachtet, von Hannover aus, wo ich heute diesen Text schreibe, erweckt irgendwie Neugierde und erleuchtet die Farben. (Es gibt doch so viele Grautöne!)
Die Distanz (sowohl zeitlich als auch räumlich) scheint hier wohl den feinen Unterschied zu machen.

Anonym

Da hat die Wirklicheit die Schärfe der Fragestellung eingeholt. Alles ist plötzlich reinste Fragilität. Instabilität als Konsens. Das nette, ruhige Leben scheint vorbei.
Bis auf Skandinavien (warum auch immer) empfinde ich alle europäischen Länder als instabil – weil die sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse in einem Spannungsverhältnis stehen, in dem der Bogen überspannt wird, gepaart mit der unterschätzten und weitgehend unkontrolliert fortschreitenden Digitalisierung, welche die Betriebswissenschaftler und Ingenieursgesichter verbocken.
Wir sind schon zu müde und nicht resilient. Und Europa wird sich vom Wachstumsgedanken nicht verabschieden können.

Rahel Bruns

Also die zurzeit unsichersten / instabilsten Orte in Europa sind für mich die Flüchtlingslager in Griechenland, da diese das komplette Scheitern zeigen.
Länder wie Deutschland bereichern sich eigentlich an dem Konstrukt Europa und das ohne Rücksicht, Solidarität und auf dem Rücken der Allerschwächsten.

Insgesamt sind für mich Orte, die mir dazu einfallen, sonst eher Geisteshaltungen: Also Rechtspopulismus und -extremismus und ein entfesselter Turbokapitalismus, der Europa auch weniger zu einer Solidargemeinschaft macht als zu einer Festung gegen das Außen, welches man dann ausbeuten und wohin man Waffen exportieren kann, daraus Profit schlägt, sich aber um die Folgen wie Fluchtbewegung nicht oder zu wenig kümmert, obwohl viele Lösungen ganz einfach wären.
Eine ziemlich brutale, menschenverachtende Sache also.
So ungefähr.

Karen Winzer

Zorten ist ein winziges Dorf in Graubünden. Es liegt auf 1214 m ü. M..
Zwischen dem oberen und dem unteren Teil rutscht der Hang. Das alte Gasthaus Sternen steht in der Rutschzone. Es hat lange Risse in der Fassade. Viele Leute im Dorf verbindet eine Geschichte mit dem Sternen: Sie haben hier gewohnt, gearbeitet, gegessen oder zur Musik aus der Jukebox am Wochenende getanzt. Wenn sie gefragt werden, was jetzt mit dem rissigen Haus passieren soll, sind sie sich einig: Abreißen! (Weiter oberhalb am Hang wird neu gebaut, lange Anker werden in den Berg getrieben, um die Häuser zu befestigen.)

Gunnar Klenke

Für mich ist der plattdeutsche Sprachraum ein instabiler Raum.
Zwar wird vermutet, dass noch zirka zwei Millionen Menschen Plattdeutsch sprechen können, ob sie es aber aktiv tun, ist fraglich. Im 20. Jahrhundert galt diese Sprache immer noch als minderwertig und provinziell. Muttersprachliche Kinder wurden kurz vor der Einschulung auf Hochdeutsch umerzogen, um eventuelle Nachteile in der Schule zu vermeiden.
Meiner Elterngeneration wurde das plattdeutsch Sprechen in der Schule verboten.
Für meine Generation war das nicht mehr nötig, da die Eltern streng auf hochdeutsches Sprechen achteten, und zwar nicht nur in der Schule, sondern den ganzen Tag über. Dies führte zu skurrilen Situationen, besonders bei gemeinsamen Mahlzeiten. Die Großeltern wurden auf Plattdeutsch angesprochen die Kinder auf Hochdeutsch, bei den Eltern ging es durcheinander und im Verlauf der Mahlzeit entstand häufig ein allgemeines Durcheinander.
Aktuell wird selbst in den Dörfern des alten plattdeutschen Sprachraums kein Platt mehr gesprochen. Zaghafte Versuche, in Kindergärten und Schulen Plattdeutsch zu unterrichten, verliefen im Sande. Das alte Stigma des Konservativen und Provinziellen haftet fest und ist wohl kaum noch zu überwinden.
Plattdeutsch war die offizielle Sprache der Hanse im gesamten Ostseeraum. Darüber hinaus von Norddeutschland entlang der Küste bis nach Belgien.

Michael Poehling

Instabile Orte gibt es viele, und dies aus so verschiedenen Gründen.

Instabil ist einerseits wirtschaftlich sehr oft mit Einseitigkeit verbunden.
Ein vielleicht plakatives, aber aktuelles Beispiel: Mallorca.
Dort machen Dienstleistungen über 70 % des Inlandproduktes, also der Wertschöpfung aus, mit extremer Fokussierung auf den Tourismus.
Industrie und Landwirtschaft hingegen keine 10 %.
In den letzten Jahren ging es immer nur aufwärts. Aber nach nicht einmal einem Jahr stärkerer Einschränkung des Tourismus durch Corona bricht das soziale Gefüge rasant zusammen. Es erhöht sich dort die Armutsrate um 90%, es bilden sich, wie in Entwicklungsländern, plötzlich in einem vorher reichen Land lange Schlangen vor den Essensausgaben der Tafel – ein typisches Indiz für gravierenden sozialen Notstand, für eine instabile Grundlage.

Auf andere Weise bedrückende Orte oder Gemeinschaften der Instabilität, die diese nur mit extremer Gewalt und Kontrolle gegenüber den Bewohnern temporär verschleiern und pseudostabilisieren können, sind für mich auch solche mit extremer ideologischer Einseitigkeit.
Zentralistisch organisiert, aktuell insbesondere geprägt von religiösem oder dumpf nationalem Extremismus.
Im Gegensatz dazu, letztlich mit den Werten der Aufklärung gewachsene, laizistische oder säkulare Gemeinschaften, zwar auch vielfältig und bunt, aber bis auf die Enden links und rechts mit gemeinsamen Grundwerten, demokratische und vielleicht besonders stabil föderativ organisierte Gesellschaften.

Und dann vielleicht noch ein aktueller Aspekt: Instabile Orte aus Sicht der Epidemiologen – sei es der Ökologe, Landwirt oder Arzt – sind immer Orte mit einer zu hohen Dichte an Individuen gleicher und hoher Empfindlichkeit für einen spezifischen Krankheitserreger, z. B. strukturarme Biotope für Tierpopulationen, Monokulturen von Kulturpflanzen, ein Seniorenheim, beengte Wohnverhältnisse in sozialen Brennpunkten oder auch ein Dorf im Osten, wo nur noch alte Leute zurückgeblieben sind – immer räumlich gesehen zu viele Individuen und/oder geringe Diversität, letztendlich resultierend in fragilen Systemem.

Martin Murch

Mein instabilstes europäisches Ortserlebnis erwartete mich auf Island, am Rand des Kontinents, aber keineswegs – um die
Formulierung Bernard-Henri Lévys aufzugreifen – am Rand seiner Idee. Wir besuchten an einem überraschend regenfreien Vormittag fiingvellir, die »Felder der Volksversammlung«, eine Ebene leuchtend grüner Gräser und Moose, die sich scharfkantig abhoben vom tiefen Blau eines angrenzenden Sees und des arktischen Sommerhimmels.

Die Landschaft hier ist durchschnitten von Rissen, die nur scheinbar starr vor deinen Füßen klaffen, wenn du dich ihnen näherst. In Wirklichkeit öffnen sie sich Jahr für Jahr um einige weitere Millimeter, weil sich die Nordamerikanische und die
Eurasische tektonische Platte voneinander entfernen. Du starrst in eine Kluft, die sich in den Boden wie in die Zeit gräbt. Und dir wird bewusst, dass jede menschlich vorstellbare Ewigkeit endlich bleiben muss. Wir sind nicht zuständig für die langen und längsten Spannen, dürfen uns nur die kürzeren zutrauen und müssen das tun. Auch, indem wir der »Idee Europa« unbeirrt verpflichtet bleiben. Schließlich befinden wir uns hier in fiingvellir an einem Ort, an dem sich über Jahrhunderte Juni für Juni Volksvertretende versammelten, um in direkter Verhandlung Recht zu sprechen, Streit auszutragen und Einigung zu erzielen.

Silke Merzhäuser

Derzeit kann ich persönlich einen Ort als sehr instabil wahrnehmen: Breslau in Polen. Seit zwei Jahren plane ich ein deutsch-polnisches Theaterprojekt in Zusammenarbeit mit der dortigen Compagnie TEATRE POLSKI W PODZIEMIU über die Themen Arbeitsbiographien und politische Haltung.
In Interviews mit polnischen Arbeiterfrauen war ich perplex über deren Geringschätzung der „europäischen Idee“. Das war nichts, was als Wert an sich gilt, für den es sich lohnen könnte zu kämpfen, was soll das überhaupt sein? Ja, die Reisefreiheit ist gut, die wollen wir uns nicht mehr nehmen lassen, sagte eine, doch sei sie noch nie im Ausland gewesen, da sie dort ja niemanden verstehen würde. Ja, die Reisefreiheit solle bestehen bleiben, doch solle die EU-Regierung sich nicht in die polnische Innenpolitik einmischen. Die Reisefreiheit wurde nicht als Urlaubsmöglichkeit wahrgenommen, sondern als Chance, im Westen Arbeit zu finden, von Frauen meist in der Pflege.
Und nun kann das Theaterprojekt nicht stattfinden, da die Reisefreiheit wegen der Pandemie stark eingeschränkt wurde. Doch der Virus kennt keine nationalen Grenzen, er macht uns alle bewegungsarm.
Geschlossene Grenzen seien für die derzeitige polnische Regierung nichts Beunruhigendes, sagen unsere polnischen Kolleg*innen.

Eigentlich aber denke ich lieber darüber nach, wo Europa sich im Kleinen sehr konkret als stabil erweist…)

Gitti L. Ost

Mhm… instabile Orte.
In Europa… ich denke da zum Beispiel an Tomba Tomba (in der Brzozowa 37). Das war (vielleicht gibt es ihn noch) so ein heterofriendly Nachtclub in Warschau, den ich vor Jahren öfter besucht habe. Ein sehr witziger Typ hat den geleitet. Ein homosexueller Schwarzer Mann, der keine Unterwasche trägt, so wurde er mir beschrieben. Tomba Tomba war ein kleines Haus in der Innenstadt auf 6 Etagen.
Im Keller ein Pool, auf dem Dachboden ein großes Bett. Die Leute, die hier tanzten, kamen aus allen Bereichen der Warschauer Gesellschaft, denn hier konnten sie so sein, wie sie wollten. Ich zum Beispiel habe mich in ugly dance versucht. Very liberating. Seitdem hat sich Warschau, das damals schon sehr suppressive war, noch mehr verschlimmert. Ich denke, die Leute, die dortgeblieben sind, haben sich mittlerweile noch besser beschützte Verstecke gebaut als dieses.

Sonst fällt mir nur noch Neubrandenburg ein… nahezu eine New-Town-Gründung aus den 70ern, war es einst die jüngste Stadt der noch jungen Republik und ist mittlerweile demographisch so veraltet, weil Leute wie ich einfach weg sind.
Eine Planstadt, einfach so in der Mitte. Mhm… im Nirgendwo quasi. Es gibt keine Rohstoffe, nichts ist wirklich nah davon. Vielleicht ein Ort, wo man Rast machen würde, wenn man eine Autopanne hätte. Nur fährt noch nicht mal eine Autobahn dort hindurch. Ich finde, Neubrandenburg ist eine sehr romantische Stadt, nicht weil sie damals von Caspar David Friedrich aus der Ferne gemalt wurde, sondern weil ihr Ausbau nach dem Krieg eine Idee war, die nicht so richtig aufgegangen ist.
Ich frage mich aber, wie es da jetzt aussehen würde, wenn die Wende nicht gekommen wäre.

Tobias Premper

Alles in meinem Leben ist instabil. Ich muss mir eine Art Stabilität erst erarbeiten, Tag für Tag. Das beginnt schon mit dem Aufstehen und den Momenten für mich selbst, in denen ich versuche, meinen eigenen Rhythmus, meine eigene Sprache zu finden (durch Lesen, durch Schreiben). Von dort ausgehend erlange ich Stabilität, die vielleicht über den Tag dauert.
Warum mein Ort instabil ist?
Weil jeder Tag wieder neu beginnt, nichts gegeben ist, ich mir die Ruhe erarbeiten muss. Weil nichts linear verläuft, die Fragmente sich stets neu sortieren, es so viele laute Menschen gibt.
Weil alles im Fluss ist, in Verwandlung ist, Bewegung die Seele aller Dinge ist.

Gilta Jansen

Es ist mir noch nicht klar, was ich schreiben kann, da ich es irgendwie schwierig finde, Orte als instabil zu bezeichnen.
Es gibt sie sicherlich, aber oft ja aus politischen Gründen. Da ich einige Orte gerne besuchen würde, aber es aus genau solchen Gründen gerade nicht für die beste Idee halte, schreibe ich diese nun auf und gucke dann noch mal weiter, was mir danach so einfällt…

Instabile Orte aus politischen Gründen (Europa, geographisch):
Istanbul bzw. Türkei
Budapest bzw. Ungarn
Ukraine
Lesbos/Moria (Flüchtlingslager)
Grenzregionen bzw. Wasserbereiche Ungarn, Italien, Griechenland, Türkei (instabile Menschenrechtslage)

Instabile Orte (Europa, sich verändernder Naturraum durch Klimawandel):
Deutschland
Osteuropa
Skandinavien
Island

Instabile Orte (kleinteilige, selbst erlebte oder persönliche Orte, die gefühlsmäßig an Instabilität leiden):
Moralische Werte
Presse und Meinungsfreiheit
Freundschaft
Liebe

Soweit von mir.

Hille von Seggern

Ich schiebe die vielen politisch instabilen Orte zur Seite.
Doch, ich denke an den ganzen Mittelmeerraum und eigentlich ist das ganze Mittelmeer, dieser große Raum zwischen den Welten, zu einem instabilen Ort geworden.

Dann fällt mir seltsamerweise der für mich persönlich stabilste Ort ein: Ein kleines Dorf in den norditalienischen Alpen, in dem ich seit über 20 Jahren ein Haus habe. Instabil ist der Ort, weil er schrumpft und schrumpft und weil die dort Verbleibenden und die Besucher nicht zu Ideen und Handlungen kommen, die den Ort in seiner Existenz stabilisieren könnten – und trotzdem erfindet sich der Ort / das Tal (wie diese vielen alpinen, abgelegenen Gegenden) irgendwie immer neu.
ROOMS TO LET ist dort nicht professionell genug organisiert, als dass es ökonomische Rettung bringen könnte. Aber der Ort und das ganze Tal schrumpfen schon seit 100 Jahren „stabil – instabil“ vor sich hin – und es ist sehr schön dort.
Dieses Moment des Instabilen – geht es eigentlich weiter? –  macht wohl für mich einen Teil der Anziehung aus.
Stabil ist meine Zuneigung und die Inspiration, die dort für mich lebendig ist.

Anonym

Instabil ist für mich etwas, was ich nicht greifen kann, weil es mir zerfällt, wenn ich zufasse.
Ich kann es betrachten. Nicht darüber bestimmen. Nicht festhalten.
Instabil ist zum Beispiel ein Ort, an den ich mich erinnere. Dieser Ort ist im Dazwischen. Er ist der Ort, an dem ich gewesen bin, und ist da, aber gleichzeitig ist er auch schon nicht mehr da. Banal vielleicht. Das Haus meiner Großeltern im Harz war immer ein sehr stabiler Ort. Die Oma war da, dick und lustig und immer am Kochen oder Nähen oder Räumen. Der Opa war da, immer etwas grummelig, immer am Arbeiten. Immer waren sie da, immer roch es gleich, immer waren die Abläufe gleich und das war gut so.
Dann starb die Oma und der Opa wohnte allein. Der Opa wurde älter, die Oma nicht mehr. Dann ließ der Opa eines Tages etwas auf dem Herd stehen und es brannte und die gesamte untere Etage des Hauses musste renoviert werden.
Danach bin ich bei meinen Besuchen immer nur noch mit halbgeschlossenen Lidern durch die Räume gegangen, weil ich Angst hatte, dass das Jetzt mir die Erinnerung an das Früher raubt. Dann starb der Opa. Meine Eltern wollten das Haus verkaufen. Ich bin noch einmal hingefahren, ich wollte etwas zum Anfassen mitnehmen, eine handfeste Erinnerung. Wieder mit halb geschlossenen Augen durchs Erdgeschoß, in den ersten Stock, wo es immerhin noch so roch wie früher. Ich habe im Nähzimmer der Oma nach ihr gesucht.
Ich habe ein paar Dinge mitgenommen. Danach wurde der Schlüssel abgegeben und das Haus verkauft. Die Dinge haben nur leider die Fahrt nicht überstanden. Was ich in meine Wohnung trug, hatte mit dem, was ich zwei Stunden zuvor eingepackt hatte, wenig zu tun. Außerhalb des Hauses hatten sie ihre Magie verloren.
Manche Orte oder Dinge kann man wohl nur erhalten, wenn man ihre Instabilität respektiert. Und nicht versucht, sie zu fassen.

Janika Millan

Wo wird Europa instabil für mich und warum?

Bei näherem Blick auf die Partnerstädte Hannovers, mit denen ich mich in meinem Beruf intensiv beschäftige, finde ich in fast allen europäischen Partnerstädten im Moment Tendenzen der Instabilität. Aber auch – wahrscheinlich gerade deshalb – viele Gegenbewegungen.

In Bristol in Großbritannien – der Stadt, mit der Hannover durch eine der ältesten Städtepartnerschaften Europas seit dem Jahr 1947 verbunden ist – weil Großbritannien durch den Brexit nun nicht mehr zur EU gehört. Durch den Austritt aus diesem gemeinsamen politischen Projekt stellt sich Großbritannien klar gegen die Idee, die europäischen Länder immer enger miteinander zu verbinden, gemeinsam politisch zu entscheiden und nach gemeinsamen Regeln zu handeln – und hat Europa damit instabiler gemacht.

Die Stadt Bristol selbst hat aber mehrheitlich FÜR den Verbleib in der EU gestimmt und hat auch einen tollen Bürgermeister, Marvin Rees, der sich stark für soziale und Diversity-Themen einsetzt und internationale Kooperationen, zum Beispiel im Global Parliament of Mayors, hochhält.
Für Hannover und Bristol steht derzeit fest, dass wir unsere Städtepartnerschaft gerade wegen des Brexits noch intensivieren wollen.

In Poznań in Polen – weil Polens nationalpopulistische Regierung sich ebenfalls immer stärker von der EU entfernt und beispielsweise Verfügungen des Gerichtshofes der EU missachtet, um das Justizsystem Polens immer stärker unter die Kontrolle der PiS zu bringen oder die Bürger*innenrechte, ganz besonders von LGBTIQ-Menschen, immer weiter einschränkt. Aber auch hier unterstützt die Stadt selbst nicht den Regierungskurs, der Stadtpräsident Jacek Jaskowiak gehört der liberalen Partei PO an und war z. B. Schirmherr der Poznań Pride Week. Auch die Stadtverwaltung unterstützt die Arbeit z. B. für Geschlechtergerechtigkeit und setzt sich gegen Diskriminierung ein. Auch hier können wir also unsere Verbindung auf Ebene der Städte nutzen, um uns FÜR ein starkes Europa und europäische Bürger*innenrechte einzusetzen.
In Perpignan in Südfrankreich – unsere französische Partnerstadt hat seit den letzten Kommunalwahlen Ende Juni 2020 einen neuen Bürgermeister, Louis Aliot, der aus der rechtspopulistischen Partei Rassemblement National (RN – ehemals Front National) kommt.

Damit ist Perpignan die einzige Stadt Frankreichs mit mehr als 100.000 Einwohner*innen mit einem RN-Bürgermeister. Perpignan ist nun voraussichtlich nicht mehr an europäischer Zusammenarbeit und an den grundlegenden Zielen der Städtepartnerschaften – Völkerverständigung und Solidarität, Verständnis für und Interesse an kultureller Vielfalt und Austausch – interessiert.

Es ist auch fraglich, ob Hannover unter diesen Voraussetzungen an einer weiteren Zusammenarbeit interessiert sein kann. Eine sehr traurige Entwicklung, wenn man bedenkt, dass die Städtepartnerschaft entstanden ist, damit Menschen aus Frankeich und Deutschland zusammenarbeiten, um eine Wiederholung des Zweiten Weltkriegs zu verhindern.

Neben diesen Entwicklungen bei den Städtepartnerschaften beschäftigen mich persönlich ganz besonders die Orte an den Grenzen Europas, an denen es Flüchtlingslager gibt – das unermessliche menschliche Leid in Moria, Lesbos und vielen weiteren Lagern, welches Europa nicht zu interessieren scheint. Kann es sein, dass Menschenrechte nur für die Menschen innerhalb Europas gelten? Hier zerbricht Europa für mich und Worte und Erklärungen werden hohl…

Annina Lehmann

Ich lebe in Großbritannien. Großbritannien ist jetzt gerade noch Europa, bald aber nicht mehr so eindeutig. Die Insel hat sich schon immer gern gegenüber dem Festland abgegrenzt, liebevoll spöttisch und selbstironisch, in stetigem Für und Wider. Man kann hier „Continental Breakfast“ bekommen (Kaffee, Brötchen und Marmelade, und vielleicht sogar ein Croissant), und gelegentlich wird mir gesagt: „You are so European!“
Meist bedeutet das so viel wie unkonventionell, und darin schwingt Bewunderung für eine gewisse Befreitheit im Umgang und heitere Herablassung für das barbarische Festland von Seiten der subtilen, gehemmten Briten, die nichts wirklich ernst nehmen.

Mit dem Austritt aus der EU geht diese wechselhafte Balance verloren. Die Insel wird noch mehr zur Insel – entgegen der Einsicht eines ihrer großen Schriftsteller: „No man is an island.“ Die Gräben werden tiefer, die Entfernungen weiter, die Unterschiede schärfer. Die Ereignisse der letzten Monate haben das noch deutlicher gemacht: der Unterschied zwischen arm und reich, zwischen heller und dunkler Hautfarbe, lässt sich an den Infektions- und Todesraten der Pandemie ablesen, in diesem Land die höchsten in Europa. Die Instabilität nimmt zu. Aber zugleich werden hier auch Statuen gestürzt, das Narrativ des glorreichen British Empire gerät ins Wanken, vielleicht führt diese neue Unsicherheit endlich zu einer offenen Auseinandersetzung mit der eigenen Kolonialgeschichte.

Währenddessen gehe ich täglich in meiner Nachbarschaft im Südosten von London spazieren. Zum Fluss, der hier schon nach Meer riecht, zum Friedhof voll wucherndem Efeu und Gräbern aus der viktorianischen Ära, zu dem Hügel, hinter dem die Sonne aufgeht und zu dem anderen Hügel, von dem man den besten Blick auf den Sonnenuntergang hat, über der Stadt. Der Fluss, der Tod, das Leben, der Lauf der Sonne, alle sind in Bewegung, und ich laufe zwischen ihnen hin und her, mein eigener kleiner Atlas instabiler Orte, die mir durch ihre stetige Veränderung Gewissheit geben.

Alexandra Sterner

Für mich ist die Flughafentribüne mit dem Kopfbau so ein Ort. Früher zum Flughafen gehörend und darum ein Ort mit Wirkung über Deutschland hinaus, war dieser Flughafen für mich als Kind das Tor zu Europa. Die Tribüne ist baufällig und Baudenkmal, gleichzeitig darf sie wegen geschützter Natur, die sich darauf ausgebreitet hat, nicht renoviert und erhalten werden. Ein Ort zwischen menschengemacht und natürlich. Ein Ort, der sich nach seiner Nutzung für das Vergnügen der Menschen als Naturschutzgebiet neu erfunden hat. Und nun instabil ist durch seine Baufälligkeit.
Wie Europa: zwischen der Idee (menschengemacht) und dem Kontinent (Natur). Die ganze Tribüne ist von einem Zaun umgeben, der sie abschottet. So wie Europa versucht, sich abzuschotten.

Holger B.

Ich werde über den einen meinen instabilen Ort nachdenken. Obwohl ich momentan beinahe sagen würde, dass wegen Covid ganz Europa instabil geworden ist.
Sonnwend-Schwitzhütte im friesischen Wapserveen … instabiler Ort. Weil er nur durch die Anwesenheit von Menschen existiert? Oder nur vergänglich und doch stabil, weil die Stunden an diesem Ort in meinem Leben so wuchtig wichtig waren und immer noch existieren?
Die warmen Därme meines Liebhabers als Ort, der nur existiert, wenn/weil er so entspannt ist, dass er meine Faust in diesem seinen warmen glitschigen fließenden Organ zulassen kann.
Das Umzugsauto, mit dem ich von Amsterdam nach Berlin rase. Darin sind 32 Jahre Leben in Amsterdam in 26 Kisten untergebracht. Ein Ort (Amsterdam) in einem Ort (Umzugskarton) in einem Ort (Auto).

Anonym

Es gibt momentan sehr viele instabile Orte in Europa, die wir bis vor einigen Jahren nicht für möglich gehalten hätten. Die Gründe hierfür lassen sich mit dem Aufkommen fragwürdiger politischer Tendenzen erklären, die wir eigentlich überwunden zu haben glaubten. Es sind aber auch Momente des kollektiven politischen Scheiterns der europäischen Gemeinschaft, die für diese Instabilität sorgen: Man muss nur die Inseln Lampedusa und Lesbos erwähnen, um sich klarzumachen, wie dieses Scheitern aussieht. Diese Ortsnamen sind mittlerweile synonym geworden für die politische Sprachlosigkeit Europas. Diese Instabilität und Verunsicherung ist momentan in vielen europäischen Ländern zu spüren, wo sie sich wahlweise in Angst, Zorn, Gewalt oder politischen Phänomenen äußert {Pegida-Demonstrationen, politische Entwicklungen in Osteuropa von rassistischen Ressentiments (in Fußballstadien)}. Diese Tendenzen sind schleichend in unseren Alltag getreten und kristallisieren sich gerade an den Rändern des europäischen Kontinents, wo sich dieser neue Geist im moralisch fragwürdigen Umgang mit den Schwächsten (Flüchtlingen) äußert. Die menschenunwürdigen Verhältnisse in den Flüchtlingslagern und die tragischen Todesfälle zeigen letztlich die Zerstrittenheit der EU und das Unvermögen, geschlossen aufzutreten und ebenso zu agieren. Die seit einem Jahr grassierende COVID-19-Pandemie scheint in dieser Situation bedauerlicherweise ein Beschleuniger dieser jüngsten gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen zu sein.

Kristina Müller-Eberhard und Tomek Lamprecht

Wenn man mit „Orten” Länder meint, dann gibt es hier mehr instabile als stabile. Von etwa vierzig Ländern können vielleicht fünf oder sechs stabil genannt werden. Möglicherweise und auch von Kriterien abhängig.
Unserer Meinung nach sind diese Orte deswegen instabil: Verlangen (Macht, Gier, Überleben, Raum). Groll (Ungleichheit, Vorteil, Anderssein, Neid). Kultur (Religion, Geografie, Geschichte).

… zur Erklärung und um tiefer auf Eure Frage einzugehen: Wer weiß was hier in Amerika aus Armut, Integrität, demokratischer Freiheit, Gleichheit werden soll … Wie ich oft gesagt habe, haben wir einen Idioten von Präsidenten (2020) und ihn loszuwerden ist das Wichtigste damit Amerika weitergehen kann. Sonst müssen wir eben abwarten und schauen…

Stefan Gronert

Ich beantworte das mal konventionell aus einer politischen Perspektive im Hinblick auf Staaten:
1.) Ungarn, Tschechien und Polen sehe ich als instabile Orte – für die Gesamtidee Europas. Serbien, Montenegro und z.T. auch Albanien sind Orte, an denen ich mir ein Wiederaufleben von Bürgerkriegen vorstellen kann.
2.) Für alle gilt, dass dort teilweise Zweifel an humanitären Grundwerten wie Toleranz, sozialer Solidarität und Meinungsfreiheit feststellbar sind. Europa sollte als politisches Gebilde in meinen Augen seine Diversität nicht nivellieren, aber dabei entschieden an den Menschenrechten festhalten.

Nino Anastasiadis

Als aus Georgien stammende Frau, die den Zusammenbruch des sowjetischen Systems erlebt hat, bin ich leider mit Instabilität sehr vertraut und erkenne sie, wo ich sie sehe. Nachdem Georgien von der Sowjetunion Anfang der 90er Jahre unabhängig wurde, durfte ich erleben, wie ein Staat komplett auseinanderfällt. Damit verbunden: Krieg, wirtschaftliche, politische, religiöse und nationale Krisen.
Tiflis ist heute nicht mehr das gleiche wie in den 90ern, bleibt jedoch in vielen Sachen zurück. Mentalitäten der Vergangenheit bleiben noch fortbestehen oder werden wiederentdeckt. Nun ist Tiflis hinsichtlich Europas ein Sonderfall, geografisch eher Eurasien, kulturell sicherlich europäisch, allerdings sind durch die 80 Jahre Sowjetunion viele (West)europäische Ideale und Ansichten der damaligen ideologischen Realität gewichen. Vor dem (unfreiwilligen) Anschluss Georgiens an die Sowjetunion hatte Georgien eine sehr europäische Orientierung.
Zurück zum Heute: Es gibt innere politische und soziale Kämpfe im Land, da Russland einen starken Einfluss auf das Land und die Leute sucht und auch erlangt hat. Die älteren Generationen sind an einen paternalistischen und autoritären Staat gewöhnt und sehnen sich in Zeiten der Instabilität teilweise danach zurück. Vetternwirtschaft, Korruption und Faktionalismus rütteln am gesellschaftlichen Zusammenhalt und polarisieren.
In Europa habe ich viele Länder und Städte besucht (Athen, Rom, Madrid, Paris, Prag, Brüssel, Berlin, Hamburg, München, Kopenhagen, London, Warschau, Istanbul etc.) und ein allgemeiner Punkt der Instabilität ist meiner Ansicht nach die Kriminalität in den Großstädten. Persönlich bin ich oft Zeuge (oder Opfer) von Diebstahl gewesen, insbesondere in Rom und Berlin. Das sind globale Probleme bei Großstädten, aber meiner Ansicht nach ein Armutszeugnis für Orte, die auf der anderen Seite Erben und Brutstätten einer reichen Kultur sind.

Achilleas Anastasiadis

Die Instabilität Europas sehe ich überwiegend im Mangel an wirklichem Zusammenhalt und einer (gesamt-) europäischen Gesinnung, ohne dass die Besonderheiten der einzelnen Völker außer Acht gelassen werden. (Das ist leicht gesagt und mag widersprüchlich klingen; aber eher als durch ein Streben kompromisslose Solidarität im europäischen Sinne mit absolutem Respekt für die individuelle Kultur der unterschiedlichen Völker in Einklang zu bringen, sind die Handlungsmotive eher durch einen gewissen politischen und wirtschaftlichen Opportunismus geprägt. In diesem Sinne werden individuelle Besonderheiten ignoriert bzw. wirtschaftspolitischen Zielen der „Mächtigen“ Europas untergeordnet und Solidarität nur in so einem Sinne „kalkuliert“ und nach der eigenen politischen – manchmal auch populistischen – Agenda ausgeübt).
Die wirtschaftlich schwachen Länder Europas – ich beschränke mich aufgrund meiner Herkunft auf Griechenland – sind Herde der Instabilität bzw. potentieller Gefahren für die gesamteuropäische Gesinnung, wie wir es in den letzten 5 bis 10 Jahren besonders erleben durften. Eine Gesellschaft, deren fragile Wirtschaft durch ein Jahrzehnt der Krise gegangen ist, wird durch weitere geopolitische Herausforderungen wie die aggressiven Absichten des östlichen Nachbarn und dessen regelmäßige Anfechtung des Grenzgebietes (insbesondere was die Meeresgrenzen betrifft) allein gelassen. Dazu kommt noch eine hohe Flüchtlings- und Migrationseinwanderung, die noch nicht ausreichend gesamteuropäisch angegangen wird. Sprich: Griechenland wird immer noch in großen Teilen mit diesen Problemen allein gelassen, obwohl sie eindeutig das gesamte Europa betreffen. Solche Herausforderungen schüren leider populistisches, nationalistisches o. ä. gefährliches Gedankengut und stellen ein Stabilitätsrisiko für die Gesellschaft im Land, sowie in ganz Europa dar. Der verheerende Zustand in griechischen Flüchtlingslagern stellt eine Manifestation dieser Instabilität dar.

Anne Prenzler

Wenn ich an Europa denke, denke ich an ein Europa in der Krise. Größter Ausdruck dieser Krise ist, dass es keine gemeinsame Einwanderungspolitik gibt. Das produziert Orte, die in jeder Hinsicht instabil sind: politisch, gesundheitlich und menschlich. Es sind die Inseln des Mittelmeers wie Lampedusa in Italien oder Lesbos, Kos und andere in Griechenland, in denen es Lager für geflüchtete Menschen gibt, die hoffnungslos überfüllt sind. Ebenso gibt es sie jenseits der Grenzen Europas, im Norden Afrikas wie in Libyen oder im Süden der Türkei – auch dort ist die Aufmerksamkeit gerichtet auf Europa. Alle diese Lager sind Übergangsorte, Orte der Armut und der Not an allem, was zum Leben wichtig ist. Es sind Orte, die uns beschämen. Orte die ihren Ursprung darin haben, dass die Bedingungen in den Herkunftsländern so schwierig sind und darin, dass Europa ein Sehnsuchtsziel ist. Es sind Orte unerfüllter Sehnsucht.

Birte Heier

Definitiv gibt es für mich instabile Orte Europas. Aufgrund meiner längeren Aufenthalte in den beiden Ländern musste ich direkt an Griechenland – und im Besonderen an seine Inseln – sowie Albanien und seine Hauptstadt Tirana denken. Ich denke, über die aktuelle Lage auf einigen griechischen Inseln, die Hilflosigkeit der Geflüchteten und der Einwohner*innen sowie die Funktion Europas in diesem furchtbaren Szenario muss wenig gesagt werden um die instabile Situation zu beschreiben.
In Tirana begegnet einem der Wunsch eines EU-Beitritts des Landes auf den Straßen, bei der Beobachtung aktueller Baumaßnahmen, in Gesprächen und den Hoffnungen vieler junger Menschen eigentlich überall. Während meiner Reise durch das Land zwischen historischen Überbleibseln einer sozialistischen Diktatur, traditioneller Landwirtschaft, dem Aussterben der Dörfer, moderner Architektur, inszeniertem Reichtum und extremen Shoppingmalls habe ich mich immer wieder gefragt, ob ein EU-Beitritt wirklich der richtige Schritt für das Land wäre. Genau diese Unentschlossenheit – welcher Schritt welche Vor- und Nachteile für wen mit sich ziehen würde – haben mich in dieser Zeit viel über das Konstrukt Europa und den Gedanken der Nationalität und Identität nachdenken lassen.

Till Steinbrenner

ein kleines sammelsurium von bruchstücken.
europa eben…?

europa selbst ist vermutlich das instabilste in europa.
wobei sich die frage stellt, ob instabilität hier nicht auch, durch die große summe der einwirkenden instabilen kräfte, zu einer eigenen stabilität, mindestens in gestalt großer langsamkeit des ganzen bei marginaler bewegung der einzelnen führt.

europa als riesenamöbe: die ständig sich ändernde form eines an sich gleichbleibenden und weitgehend unkaputtbaren körpers.

das ist jedenfalls die optimistische sicht.
die pessimistische finde ich nicht nützlich.

ist stabil das, was überlebt oder das, was seine form nicht ändert?

instabil sind dann, sozusagen als gegenbild zum vereinigen europa, die mikronationen.
ich meine hier nicht luxemburg, den vatikan, san marino und monacco (lustig: die kleinsten sind die reichsten)
sondern z.b. sealand  https://de.wikipedia.org/wiki/Sealand
oder all die anderen auf dieser liste, sofern es sie noch gibt:
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Mikronationen

…tatsächlich zeigt sich gerade im kontrast zwischen europa und diesen zwergen, dass größe offenbar im gefüge der nationen ein darwinistischer vorteil zu sein scheint, der auch über gelegentliche abspaltungen gut hinwegkommt.
möglicherweise braucht er die sogar?
ist größe stabil?
ist kleinheit instabil?
es bleibt die frage: meint ihr orte in europa oder orte europas?
was wären die orte europas?
am ende müssen wir über eine insel im kanal von mosambik nachdenken? oder den jupitermond?
den verbleib vieler gleichnamiger statuen…
und was bedeutet es, dass zeus, mit der entführten europa, nach kreta schwamm?
wer schwimmt heute nach europa?
und was ist daran, bitte, nicht kippelig, zerbrechlich, fragil?

Anonym

Ja, es gibt es für mich instabile Orte Europas.

  1. die EU-Außengrenzen
  2. die „innereuropäische Solidarität“
  3. nationalistische Tendenzen
  1. Physisch sind sie ja eigentlich nicht instabil, sondern als Grenze komplett verhärtet und starr. Ausgehend davon, wie schwer die EU sich tut, geflüchtete Menschen aufzunehmen, zeigt sich hier für mich, wie stark es in der „Idee Europa“ verankert ist, auszugrenzen. Lieber tausende Menschen ertrinken und unter widrigsten Umständen in Lagern leben lassen, als von dieser Position abzurücken. Ab und zu sich dann aber feiern lassen, wenn eine verschwindend geringe Anzahl Menschen nach monatelanger Diskussion „reingelassen“ wird. Hier würde ich mir tatsächlich mehr Instabilität wünschen, habe aber aufgrund der aktuellen politischen Situation und den Entwicklungen der letzten Jahre nicht viel Hoffnung. Die Idee Europas immer noch als pluralistisches Friedensprojekt zu bezeichnen, finde ich auf jeden Fall mehr als zweifelhaft und instabil. Gut möglich aber, dass dieser Widerspruch schon immer so angelegt war und diese Aspekte schon immer auf perfide Art und Weise harmoniert haben – Frieden für ein paar wenige Privilegierte funktioniert im Kapitalismus nicht ohne Ausgrenzung der „Anderen“ und diese Gleichung ist leider sehr stabil, egal ob es um Einzelstaaten oder Staatenbünde geht…
  1. Im Zuge der Wirtschaftskrise 2008/2009 wurden die Infrastrukturen südeuropäischer Länder durch die allen voran von Deutschland auferzwungene Austeritätspolitik kaputtprivatisiert. In Coronazeiten umso verheerender, da die Gesundheitssysteme davon nicht verschont geblieben sind. Ich glaube, dass das nur ein Beispiel von vielen dafür ist, um an aufrichtiger transnationaler Solidarität zu zweifeln.
  1. Es gibt eine zunehmende Bedrohung in fast allen europäischen Ländern durch nationalistische Tendenzen. Die einen wollen damit ihren „stabilen“ Ort des Privilegs aufrechterhalten, für die auch oben schon erwähnten „Anderen“ führt dies aber zu einer existenz- und lebensbedrohenden Situation, die mit dem Wort „instabil“ komplett verharmlost werden würde. Es ist natürlich kein neues Phänomen, dass es in europäischen Ländern rechte Gewalt gibt, sie war nie weg. Aber ihr Wiedererstarken in parlamentarischen Strukturen und ihre starke Verankerung in der bürgerlichen Mitte gibt ihnen gerade einen unheimlichen Aufwind. Dies sorgt dafür, dass sich bei vielen Menschen, die von Rechten als „unpassend“ wahrgenommen werden, vormals vielleicht halbwegs stabile Bilder eines Zuhauses in zunehmend unsichere Orte verwandeln. Vielleicht, höchstwahrscheinlich sogar, war es vor ein paar Jahren auch nicht besser und der ungeschärfte Blick Nicht-Betroffener hat einfach den Diskurs dominiert. Hauptsache „kein bewaffneter Konflikt“ in Europa, aber egal, was es sonst für rassistische Übergriffe direkt vor der Haustür gibt – das betrifft ja nur wieder „die Anderen“. Insofern gut, dass zumindest dieser Blick auch mehr und mehr zu wackeln scheint. Anscheinend aber nicht genug.

Das ist jetzt alles natürlich wenig „persönlich“. Aber ich muss einfach sagen, dass die Wut – und auch die Angst – gerade bei mir die vorherrschenden Gefühle sind, wenn ich daran denke, was Europa gerade bedeutet.

Kirsten Jäschke

Schon lange schiebe ich die Antwort auf deine Europa-Frage vor mir her, ganz einfach deshalb, weil ich darauf nicht antworten kann. Fragil erscheint mir so vieles, die Wehmut darüber, dass schöne, als angenehm empfundene oder vielleicht auch nur vertraute Phänomene welcher Art auch immer, vergänglich sind, begleitet mich in den letzten Jahren mehr denn je. Wenn das beschleunigt passiert, wie durch den Klimawandel, mischen sich umso mehr Trauer und Angst.
Wenn ich das an einem Ort festmachen muss, genügt mir mein Blick in meine unmittelbare Umgebung, wo zum Beispiel im Garten über die Jahre sich immer wieder Dinge verändern. Momentan macht mich glücklich, dass das Gras trotz der Dürre noch nicht braun ist, Mohn offenbar Trockenheit liebt, weil er so massenhaft auftaucht dieses Jahr und die Päonie, Sandboden und Wassermangel zum Trotz, obszön pink blüht, dass es in dieser Fülle wirklich unanständig aussieht.
Wenn ich woanders bin, wie zuletzt in Venedig, denke ich oft: das habe ich jetzt vielleicht das letzte Mal gesehen, aus welchen Gründen auch immer.
Diese Hotelzimmer in denen ihr arbeitet, vermischen so schön fremde und eigene Intimität, zumindest in der Vorstellung, und die Interventionen spielen in meinen Augen mit der Sehnsucht nach dem Verweilen und Spuren-Hinterlassen, einem Nähe-Schaffen zum Anderen durch andeutungsweises Preisgeben von etwas Intimen. Das ist für mich eine sehr romantische Herangehensweise. Und nein – für mich ist das kein Vermeidungsverhalten, sondern ein Angebot zum Spiel, in dem, weitgehend losgelöst von widrigen Umständen, eine Art unverbindlicher Nähe geschaffen werden kann, die doch Distanz beinhaltet. Spiel ist nicht ernst und manchmal ist das gut und eine Chance.

Michael Stoeber

„Europa, das kann man nicht oft genug wiederholen, ist kein Ort, sondern eine Idee. Europa ist nicht eine Kategorie des Seins, sondern des Geistes.“ Bernard-Henri Lévy/Le Point/1995

Zur Beantwortung der Fragen nach dem „Ob“ und „Warum“ instabiler Orte in Europa beziehe ich mich auf das vorangestellte Zitat von Bernard-Henri Lévy, der Europa nicht als Ort, sondern als Idee betrachtet. Eine solche Vorstellung von Europa als „Kategorie des Geistes“ ist in höchstem Maße fragil, weil sie als ganzheitliche Schöpfung idealistische Konturen trägt. Sie steht in dialektischem Widerspruch zur Realität. So gesehen, ist Europa als mentale Konstruktion per se instabil.

Was uns aber nicht daran hindern sollte, Europa stabil zu gestalten. Wie das gehen kann? Nur indem man Europa zu einer wirklichen Einheit in politischer, ökonomischer und juristischer Hinsicht macht. Das heißt, den Weg, der durch die EWG, EG und EU in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts eingeschlagen wurde, weiterzugehen bis hin zu einem Bundesstaat, z. B. nach nordamerikanischem Muster. Solange das nicht der Fall ist, droht die Gefahr, dass die EU wieder zerfällt. Großbritannien hat durch den Brexit ein unrühmliches Beispiel dafür gegeben.

Partikulare und nationale Interessen haben von der Antike bis in die Gegenwart Europa immer wieder in desaströse Kriege verwickelt. Nur die in einer europäischen Union miteinander verbundenen Staaten sind durch die europäische Gemeinschaft in neuerer Zeit davon verschont geblieben. Um dieses glorreiche Projekt einer beispielhaften Pazifizierung fortzusetzen, gilt es allen nationalistischen und populistischen Versuchungen zu widerstehen.

Was heißt, dass die Ideale der französischen Revolution, Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit, die als universale Werte konzipiert wurden, in der EU konkret werden müssen. Nicht als Lippenbekenntnis oder Feiertagsrede, sondern in Tat und Handlung. Hier bekommt das politische Projekt in hohem Maße auch kulturelle und künstlerische Züge. Denn, so William Blake: „Die Tiger des Zorns sind weiser als die Rosse der Belehrung.“ Es gilt zu begreifen, dass Identität und Selbstverwirklichung des Einzelnen einhergehen müssen mit dem Kampf und der Verantwortung für alle. Solidarität mit den Schwachen ist die Stärke eines solchen Europas.

Anonym

Was können wir erwarten…?

Europa scheint mir sowohl als Ort, als auch in seiner Qualität des Seins instabil zu sein.
Die unterschiedlich ausgerichteten wirtschaftspolitischen Interessen aller Nationen inner- und außerhalb Europas bedingen sehr viel Bedrohlicheres als nur ein instabiles Europa.
–      Was können wir erwarten von europäischen Nationen, die sich in einem militärischen Bündnis organisieren, das scheinbar keine Scheu davor kennt, international wiederholt Angriffskriege zu führen, ohne im eigenen Territorium tatsächlich bedroht zu sein?
–      Was können wir erwarten von Nationen, die den Artikel 2, Absatz 4 der Charta der Vereinten Nationen immer wieder schlicht ignorieren? Eine Charta, die sie selbst entworfen und unterzeichnet haben: „Alle Mitglieder unterlassen in ihren internationalen Beziehungen jede gegen die territoriale Unversehrtheit oder die politische Unabhängigkeit eines Staates gerichtete oder sonst mit den Zielen der Vereinten Nationen unvereinbare Androhung oder Anwendung von Gewalt.“
–      Was können wir erwarten von einer deutschen Regierungspolitik, die 54 Jahre nach Beendigung des 2. Weltkrieges im Verbund mit anderen Nationen einen europäischen Nachbarn in Manier eines Angriffskrieges bombardieren liess?
–      Was können wir erwarten von Teilen unserer Bevölkerung, die bereit sind, allzu kritiklos und eilfertig dem gefährlichen Geschwätz von Populisten zu folgen?
–      Was können wir erwarten von Menschen, denen politische und juristische ‚Korrektheit‘ wichtiger ist, als Ertrinkenden ihre Leben zu retten?
–      Was können wir erwarten von Wirtschaftsprofis, die eine extrem aggressive Profitorientierung bevorzugen und sich parallel dazu den sozialen und ökologischen Folgen verschließen?

Was können wir schon erwarten…?

Anonym

Laut Index der Menschlichen Entwicklung der Vereinten Nationen ist Moldawien das ärmste Land Europas.

Noor Mertens

Wenn ich an instabile Orte in Europa denke, denke ich nicht wirklich an bestimmte geografische Gebiete, die in der EU als „Verlierer“ oder „Sorgenkinder“ gelten können. Ich denke eher an die unterschiedlichen „Bevölkerungsschichten“, aus denen verschiedene europäische Länder bestehen und die beispielsweise in größeren Städten wie Brüssel oder Paris gut sichtbar sind, die aber im Prinzip in jeder größeren Stadt zu finden sind. Die Probleme eines neoliberalen und zunehmend populistischen Europas sind an Orten sichtbar, an denen es – sehr lokal – Engpässe gibt: Denke dabei zum Beispiel an ein Viertel, in denen die Ärmsten untergebracht sind, mit schlechter Bildung, wenig Zugang zur bzw. Wissen über gute(n) Ernährung, hoher Arbeitslosigkeit, eine ‚Schattenökonomie‘, viel Analphabetismus und auch Kriminalität. Ein erschreckendes Beispiel dafür sind die Siedlungen von Roma-Bevölkerungsgruppen in Europa, die die „Möglichkeit“ haben, sich frei durch die EU zu bewegen, aber kaum oder gar keine Möglichkeiten haben, von den Vorteilen und der (wirtschaftlichen) Stabilität Europas zu profitieren. Ich muss dabei denken an die sehr problematische Lager in der Nähe von Paris, die oft mit Bulldozern plattgemacht werden. Lese beispielsweise diesen Artikel: https://www.theguardian.com/world/2019/may/23/no-voice-no-future-roma-ignored-as-europe-goes-to-polls

und diesen guten Artikel:

https://thefunambulist.net/architectural-projects/precarious-roma-village-of-northern-paris-a-few-cautious-considerations

Dies sind für mich die instabilen Orte in Europa, die durch eine zunehmende populistische Politik kontraproduktiv ‚gesteuert‘ werden, ohne dass die lokale Bevölkerung dabei unterstützt und die Lebensbedingungen verbessert werden.

Ich würde es interessant finden, wenn ROOMS TO LET einen längeren Zeitraum an Orten verbringen würde, an denen wenig oder gar kein Platz vorhanden ist, an denen es im wahrsten Sinne des Wortes einen großen Platzmangel gibt, weil die Menschen einen sehr schlechten Zugang zum Wohnungsmarkt haben und im übertragenen Sinne in Form eines fehlenden Raums für gute Bildung, für Arbeit, für Humanität.

Bernd Fischer

Der instabilste Ort den ich kenne, ist Berlin. Das mag daran liegen, dass ich dies seit 30 Jahren beobachte. Für mich hat diese Instabilität viel mit permanenter Veränderung zu tun. Die alte preußische Stadt, die Reichhauptstadt, die geteilte Stadt, das neue Berlin. Der Austausch der Bevölkerung, die Gentrifizierung, die Unsicherheit, die mit Veränderung einhergeht.

Die Instabilität zeigt sich hier an den Häusern, an der Architektur, am Grad der Renovierung. Berlin ist in den letzten 30 Jahren attraktiv geworden, teuer geworden, ein Mythos, Cool-Berlin geworden. Früher hieß es: arm, aber sexy. Viele Menschen haben dies ausgenutzt. Die Mieten werden teuer, die Häuser werden teuer. Also ändert sich das Leben, die Einwohner, die Haltung zur eigenen Stadt. Die Sicherheit, immer eine Nische zu finden, ist weg.

Berlin hatte Platz, es gab Flächen, leerstehende Flächen. Diese verschwinden, als hätte man sie aufgesaugt.
Der ehemalige Osten ist für mich instabiler als der Westen. Der Osten, ganz Osteuropa ist anfälliger für kapitalistische Veränderungen. In wohlhabenden Gegenden Europas ist der Besitz geregelt.

Viele dieser Veränderungen konnte ich den letzten dreißig Jahren von meinem Balkon aus beobachten. Die Instabilität der Orte ist in Deutschlands Osten größer als im Westen. Sie ist in Osteuropa größer als in Westeuropa.

 

Ein besonderer Ort kommt mir in den Sinn: Küstrin an der Oder. Auf polnisch Kostryzn. Diese ehemals deutsche Stadt liegt an der deutsch-polnischen Grenze. Früher war sie eine wichtige preußische Garnisonsstadt. Hier vollzog sich der Wandel Friedrichs von Preußen vom sensiblen Jungen zum Machtpolitiker. Hier musste er zusehen wie sein Jugendfreund Katte vor seinen Augen geköpft wurde. Als Erziehungsmaßnahme seines Vaters. Friedrich, der sensible Junge, wurde der Große und veränderte gewaltsam die preußische, die deutsche und die europäische Geschichte.

Die Stadt Küstrin wurde 1945 von Hitler zur Festung erklärt und dementsprechend von der Roten Armee komplett „pulverisiert“. Heute ist die Stadt, die vor wenigen Jahren noch blühte, ein Ausgrabungsfeld. Es ist das „preußische Pompei“. Neben der ehemaligen Altstadt verläuft die deutsch-polnische Grenze. Mal eine undurchdringbare Grenze, mal offen und mitten in Europa. Mein Vater kam hier auf einem Kindertreck 1945 in den Westen und überquerte auf abenteuerliche Weise mit Hilfe von sowjetischen Soldaten die Oder.

Es ist einer dieser Orte, in denen ich spürte, was Europa alles sein kann.

Lotte Lindner

Das Mittelmeer ist ein eindeutig instabiler Raum.
Die Grenzen Europas nach außen sind instabil.
Das Verhältnis der Länder zueinander.
Brüchiger wird Europa an den Kanten.
Instabilität zeigt sich an den Grenzen Europas: Länder im Osten, Polen, Ungarn mit Orban… Dominanz ist dort scheinbar etwas Wichtiges, dominante Männer regieren. Zentraleuropa hat dieses Problem mit der Dominanz scheinbar nicht so stark.
Möglicherweise wollen sich diese Länder nach außen abgrenzen, weil sie sich sonst nicht stark genug fühlen.
Solidarität innerhalb Europas wird oft behauptet – wenn es aber zum Handeln kommt, ist es nicht so einfach.
Ich sehe Europa 1. politisch, im Gebiet der EU, 2. als Kulturkreis.
Auch Kulturen haben Ränder und Übergänge.
Als die Grenzen noch geschlossen waren, waren die Ränder und Kanten schärfer.
Nun gibt es eine Verflüssigung des Austauschs.
Manchmal lassen sich Menschen inspirieren von den Lebensweisen anderer.
Manchmal macht es Angst, deshalb gibt es den Wunsch nach Abgrenzung.
Traditionen betonen Gemeinschaft und grenzen eine Gruppe nach außen ab.
Den Grund für die Zunahme psychischer Erkrankungen sehe ich im gesellschaftlich gemachten Druck im Alltagsleben, nicht in der Instabilität Europas.

Michael v. Lüdinghausen

Geschichte ist per se immer instabil. Ostpreußen / Königsberg / Kaliningrad und Berlin. Diese Orte gehören zu den instabilen deutschen und europäischen Gebieten. Damit sind sie instabil auf Grund der deutschen / preußischen Geschichte und auf Grund der eigenen Biographie im Wechselbad der Geschichte. Diese ist natürlich noch nicht abgeschlossen, weil instabil.

Ulrich Fleck

Ich möchte zwei Orte nennen, die mir instabil erscheinen. Aber weit auseinanderliegen. Oder doch nicht?

Der erste ist das Herz; scheint mir doch, dass die Idee Europa auch eine herzgeborene ist. Ich denke mir das gerne so. Es sind Zeiten multipler Bedrohung angebrochen. Der neue Chauvinismus gewinnt Einfluss. Und Ängste – vor Überfremdung, kulturellem Bedeutungsverlust, vor Coronatod. Chimären tauchen auf und erstarken zusehends, werden zu mächtigen Verbündeten. Die Ängste essen den Mut zur Transzendierung der Nationalidentitäten auf, lassen die Herzen schwanken und verzagen. Zu einem instabilen Ort werden.

Und Gibraltar ist ein instabiler Ort. Einst EU-Innengebiet, jetzt Außengrenze.
Ein Rücksturz ins Nationaldenken, die eben noch Miteuropäer an dieser Grenze waren, sind jetzt Ausländer. In Gibraltar, gerade weil fernab von den osteuropäischen Scheindemokratien und nicht so zentral von der Flüchtlingsproblematik betroffen, zeigt sich die Instabilität hier mitten im Zentrum Europas. In ihrem Kern.

Pavel Porochin

Albanien. Meiner Meinung nach wird seit Jahren fast nichts über das Land berichtet. Ich weiß nichts über Albanien. Es ist ein Land in Europa, das mir geheimnisvoll und unerreichbar erscheint.
Etwas, das ich nicht kenne, kann mir kein Vertrauen schenken. Etwas, dem ich nicht vertraue, schwankt in meinen Augen. Etwas, das schwankt, ist instabil. Albanien ist ein instabiler Ort für mich in Europa.

Inka Nowoitnick

Ich empfinde tatsächlich ein Gefühl der Instabilität für Europa, das sich allerdings nicht lokal eingrenzen lässt, weil es sich auf Umstände und Entwicklungen bezieht, die sowohl ganz Europa, als auch letztlich die gesamte Welt betreffen.
Diese sehr komplexen Umstände versuche ich möglichst knapp zusammenzufassen und zu beschreiben:

Zum einen die zunehmende Konzentration von wirtschaftlicher Macht auf wenige Großkonzerne, die einhergeht mit der Schaffung von rein virtuellen Gewinnen unfassbarer Größe, die auf keinerlei realer Wertschöpfung beruhen.
Dabei entsteht ein Grad an Abstraktion und Entpersonalisierung, der Wirtschaft und Gewinne zunehmend von realen Menschen und Lebensumständen entkoppelt.
Dies wiederum führt zu einer zunehmenden Spaltung von Gesellschaften in arm und reich – sowohl im Inneren einzelner Staaten wie auch im gesamten Welt-Macht-Gefüge.
Auch in den reichen Ländern der westlichen Welt wird die Veräußerung sozialer Strukturen und ihr Missbrauch als Wirtschaftsfaktor (Gesundheitssystem, Bildung, Kultur, aber auch: Arbeitnehmerrechte, u.v.m.) massiv spürbar.
Weitere Folgen, wie etwa der Klimawandel, sind unübersehbar – dennoch halten wir fest an der Idee des unbegrenzten Wachstums als einzig gültigem Gesellschaftsmodell.

Es entsteht eine quasi schizophrene Wahrnehmungssituation: Die Folgen liegen auf der Hand. Dennoch versuchen wir, uns mit halbherzigen Scheinlösungen (Kohleausstieg bis dann und dann, Corona-Prämie für das Pflegepersonal, fragwürdige Gütesiegel auf Lebensmitteln, etc.) einzureden, dass wir eigentlich in der besten aller möglichen Welten leben.
Dieses stimmt aber für sehr viele Menschen immer weniger mit ihrer Lebensrealität überein und drängt sie dadurch an den Rand. Was Angst, Wut und Unsicherheit entstehen lässt, die unter der Oberfläche brodeln und sich diverse Ventile und Ersatzschauplätze (von erstarkendem Rechtsradikalismus bis zu quasi religiösen Fitness- und Ernährungstheorien) suchen.
Für mich sieht es so aus, als würden wir kollektiv vermeiden, Realitäten zu benennen und – paradoxerweise – längst bekannte Zusammenhänge herzustellen.
Stattdessen versuchen wir reflexartig „die Schuld“ hin- und her zu schieben (siehe auch Ventile und Ersatzschauplätze), im Großen wie im Kleinen und sind nicht imstande, einander zuzuhören.
Was aber notwendig wäre, um so aus Auseinandersetzungen auch produktive Konzepte zu den brennenden Fragen unserer Zeit (In was für einer Welt wollen wir leben???) entstehen zu lassen.

Das alles zusammen erzeugt in meiner Wahrnehmung eine große Instabilität, die gerade aus dem Bemühen resultiert, sich auf keinen Fall wirklich bewegen zu müssen.

Anonym

Es fallen mir viele instabile Orte Europas ein. Eine Reduktion auf einen oder wenige ist möglicherweise ein Affront.
Wie ein körperliches Unbehagen, das nicht näher lokalisierbar ist.
Bewegliche, instabile Orte, zunächst sichtbar als sich bewegende Punkte auf Radargeräten, welche Mittelmeer, Atlantik oder Channel abscannen. Sie stellen Boote dar. Schlauchboote, seeuntaugliche Boote, Seelenverkäufer im Zwischenraum zwischen Europa und Nicht-Europa. In Kontakt gekommen mit Vertreter*innen Europas, erhalten die Flüchtenden für ihre Körper dünne, silber-goldene, knisternde Folien. Wie glamourös verpackte Geschenke sitzen die Menschen Stunden und Tage in den Booten, begleitet von Geräuschen des Knisterns und der Wellen.

Anonym

Hiddensee. Brüchiger Ort. Übergang.
Geografisch betrachtet:
Lange, dünne, gefährdete Form. Küstenerosion. Im Januar 2012 fragt die deutsche Presse, ob Hiddensee auseinanderbrechen wird. Experten vermuten als Ursache die heftigen Niederschläge im Sommer 2011 und die Sturmfluten am Fuße der Steilküste im Winter. Zusätzlich dann Frost. Der Boden der Insel ächzt.

Historically viewed:
1) Raum für eigensinnige Gedanken (Künstler*innenkolonie).
2) Ausgangsort für die Flucht in den Westen zu DDR-Zeiten: Am Horizont ist schemenhaft die Freiheit erkennbar, dort liegt die dänische Insel Møn, 65 Kilometer entfernt. Viele Fluchtversuche gingen von Hiddensee aus, viele Menschen haben es nicht geschafft. Aber die Insel war auch innerhalb der Grenzen schon fast exterritorial. Ein Tagesausflug nach Hiddensee schaffte die Illusion, die DDR zurückgelassen zu haben.