Kapitel IV

CHAPTER FOUR
N.N., Langenhagen, 2019

 

Hotel, Flughafen Langenhagen, screenshot 2019
Flugrouten Langenhagen, screenshot, 2019

„(...) Hotels vereinen eine Vielzahl funktional differenzierter Räumlichkeiten, etwa öffentliche und private Räume wie die Lobby und die Gästezimmer, die durch Stockwerke und Wände voneinander getrennt, aber zugleich über Aufzüge, Treppen und Türen miteinander verbunden sind. (...) Hotel, Kino und Film sind Inbegriffe der mobilen Gesellschaft, der modernsten Art des Tourismus: Sie ermöglichen das Reisen ohne Ortswechsel, sie verlagern die Reise in Innenräume und in das Innere. Es sind transitorische Räume, Orte des Durchgangs und der flüchtigen Begegnung mit Personen, Architekturen und Bildern. Es sind Räume, die mit der Zeit brechen, in denen außeralltägliches Zeitempfinden herrscht. Sie sind unabhängig vom Tageslicht – für ihre Projektionen benötigen sie den künstlichen Schein. (...)“.

Film-Bühne Hotel: Begegnungen in begrenzten Räumen, herausgegeben von Hans-Michael Bock, Jan Distelmeyer, Jörg Schöning, München, 2016.

>>MANIFEST

ROOMS TO LET arbeitet international und bringt die Ausstellungsstücke und Fragestellungen des jeweiligen Kapitels regelmäßig zurück, um sie mit dem ursprünglichen Lebens- und Produktionsort Hannover zu verknüpfen. Durch den ständigen Wechsel der Perspektive wird ein stetiges Reflektieren und Neu-Justieren von Gedanken und Fragen erforderlich. Für das vierte Kapitel des Projekts ROOMS TO LET bietet Langenhagen eine perfekte Synthese aus Internationalität und lokaler künstlerischer Diskussion. Ein schwer zu greifender Ort, ein Ort mit ganz verschiedenen Gesichtern und ein Ort des Perspektivwechsels par excellence.
Zum Einen eine Art kleines Stück Hannover, das aber immer ein wenig zu weit weg scheint, gleichzeitig internationales Drehkreuz: Bis zu acht Millionen Passagiere können jährlich auf dem Flughafen Hannover Langenhagen starten und landen, mit drei Terminals, 88 Check-in-Schaltern, 20 Flugsteigen sowie einem unterirdischen S-Bahnhof kann man den Flughafen als den transitorischen Ort Niedersachsens betrachten.
Im Rahmen einer Kollaboration mit dem Kunstverein Langenhagen werden Poehling und Lüdinghausen in Langenhagen, wie schon zuvor in Ulaanbataar, Hannover und Hiroshima, mit ihrem Referenzsystem das System Hotel infiltrieren. Ein Zimmer eines großen, flughafennahen Hotels wird transformiert, wird Arbeits- und Ausstellungsort für das vierte Kapitel.

Fragen, die das Projekt ROOMS TO LET begleiten, sind unter anderem Fragen nach der Konstruktion eines Ortes, nach Grenzen, nach Territorien, nach den Vorstellungen von Raum in den jeweiligen Ländern. Das vierte Kapitel in Langenhagen fügt dem Projekt neue Fragen hinzu und verschärft noch einmal den Blick auf den Raum des Hotels als absoluten Transit-Raum: In kleineren Hotels schimmert oft, trotz hoteltypischer Neutralität, das Bestreben der InhaberInnen durch, dem Ganzen einen Hauch von Persönlichkeit zu geben, ein eigener Wille zur Gestaltung des Raumes liegt in der Luft und evoziert bei all der Fremdheit doch ein zartes Gefühl der Aufgehobenheit in einer Art persönlichem Gefüge.
Ein solches Gefühl ruft der Aufenthalt in einem Hotel einer großen Kette wie beispielsweise dem Maritim Hotel nicht hervor. Hier schaffen Innenarchitekturbüros vergleichbaren Stil, Komfort und Ästhetik in allen Hotels, so dass, ob ich mich nun in Deutschland oder im außereuropäischen Ausland befinde, die gleiche Atmosphäre herrscht – ein etablierter Standard einer scheinbar globalen Vorstellung von Persönlichkeit und Gemütlichkeit.
Die Unsicherheit des Transitorischen wird beschwichtigt durch Simulation, durch scheinbare Vertrautheit, durch eine Selbstgewissheit der Norm, der Oberfläche und des Glanzes.
Hier existiert eine andere Form der Aufgehobenheit. Aufgehobenheit vielleicht durch absolute Anonymität, Ortlosigkeit, Transit, Freiheit, vielleicht Verantwortungslosigkeit.
Das vierte Kapitel von ROOMS TO LET in Langenhagen öffnet ein spannungsvolles Feld: Wie in den vorherigen Kapiteln werden Poehling und Lüdinghausen über einen gewissen Zeitraum in einem Hotelzimmer leben und arbeiten und in dem gegebenen Raum nach und nach in eine mit dem Ort verwobene, ephemere Installation entwickeln. Neue Arbeiten der Künstlerinnen, skulpturale Erzählungen und dokumentarische Fundstücke aus Ulaanbaatar und Hiroshima treffen in der Ortlosigkeit des Langenhagener (internationalen) Flughafenhotels aufeinander.