Kapitel I

CHAPTER ONE
Travel Mongolian Guesthouse, Ulan Bator, 2018

Travel Mongolian Guesthouse, screenshot, 2018
Chapter One, Raumansicht, 2018
Chapter One, Detail, 2018
Chapter One, Detail, 2018

„Wir begreifen ROOMS TO LET als ein Buch, in dem die verschiedenen Stationen unserer Aufenthalte die Kapitel sind. Aus der jeweiligen Station ergibt sich die folgende.“
(Manifest)

>>MANIFEST

Eine der wegweisenden Arbeiten in der Ausstellung ROOMS TO LET//PROLOGUE, die 2017 in der Galerie vom Zufall und vom Glück in Hannover gezeigt wurde, ist das DOKU-Kino. In diesem zeigen Andrea von Lüdinghausen und Mareike Poehling ohne festgelegte Abfolge und Zuordnung Fotos ihrer künstlerischen Recherchen. Ein Großteil des gezeigten Bildmaterials stammt aus Ländern wie Kasachstan, Russland, Usbekistan, China und der Mongolei. Zentrale Themen sind (mal irritierende, mal poetisch wirkende) Definitionen von Territorien, sichtbare und unsichtbare Grenzen, verschwundene, verlorene Orte oder der Prozess des Verschwindens derselben.
Die geschichtliche und aktuelle Situation in der Mongolei scheint diese Fragestellungen auf besonders prägnante Weise zu spiegeln und Ulaan Baatar entwickelt sich somit scheinbar zwangsläufig zur nächsten Station von ROOMS TO LET.

Poehling und Lüdinghausen nähern sich Ulaan Baatar zunächst gedanklich als einem realen Ort, aber – aus europäischer Perspektive – auch als einem Ort der aufgeladenen Vorstellungen und romantischen Klischees.
Im Sommer 2018 reisen die Künstlerinnen dann schließlich in die Mongolei, um dort ihre künstlerischen Fragen neu zu beleuchten und im Dialog mit KünstlerInnen aus Ulaan Baatar ROOMS TO LET // Chapter One zu realisieren.
Acht Tage leben und arbeiten Poehling und Lüdinghausen in einem Zimmer des Travel Mongolian Guesthouse und arbeiten den gegebenen Raum nach und nach um in eine mit dem Ort verwobene Installation. Sie spüren dem Raum nach, den in ihn eingeschrieben Geschichten, sind im engen Kontakt mit den Menschen in und um das Hostel, erforschen von hier aus, aus dieser Perspektive, die sich um sie herum ausbreitende Stadt.
Verwendet und bearbeitet werden verschiedenste Materialien, zum einen das eigene Vokabular – auf das Wesentliche reduziertes Archivmaterial, Arbeitswerkzeug und Material aus dem Reisegepäck, eine Art Essenz des skulpturalen Handwerkszeugs, ein Spiegel der reinen Vorstellung des zu bearbeitenden Raums.
Desweiteren wird das verarbeitet, womit die Künstlerinnen sich konfrontiert sehen – Fundstücke - aus dem Stadtraum, vom Land, vom Markt, Zeichnungen, getrocknete Schafsmägen, Baumwollballen, Felle, Kopien,
Alles fließt ineinander. Gespräche mit mongolischen Künstlerinnen in deren Ateliers, Reisen in die Landschaft, in die Weite, die Stille, der Geruch der Kräuter, die andere Perspektive auf die Arbeit, der eigene fremde Blick auf Selbstverständlichkeiten. Das Gefühl, in der eigenen Arbeit zu leben, zu wohnen, dort einzuschlafen und aufzuwachen. Was macht das mit dem Raum, wenn man dessen gewohnte Funktion infrage stellt und ihn so radikal bearbeitet, verändert? Was macht das mit mir, wenn ich mir selber die feste Struktur des Raumes entziehe?
Ganz besonders hervorzuheben ist die enge Zusammenarbeit mit der Künstlerin Godo Bayartsetseg Dashdondov. Mit ihr und mit anderen Künstlerinnen werden verschiedene Fragen zum künstlerischen Produktionsprozess diskutiert. Wie empfinden und beurteilen sie die Bedingungen für künstlerische Produktion in ihrem Land? Wie werden Fragen betreffend Skulptur, Fragment, Prozess und Installation gestellt und beantwortet? Wie sehen die mongolischen Künstler*innen Beziehungen zwischen privaten, öffentlichen Räumen?
Nach acht Tagen leben und arbeiten in Ulaan Baatar findet die Eröffnung statt. Wie auch schon im Prologue gibt es wieder eine Kooperation mit anderen Künstlerinnen: Godo Bayartsetseg Dashdondov integriert ihre Arbeiten in das Konzept von ROOMS TO LET und der Musiker Atai Borgujin fügt der Ausstellund eine ganz spezielle akustische Ebene hinzu mit seinem Konzert aus traditioneller mongolischer Musik und elektroakustischen Elementen.