Alle Kapitel

ROOMS TO LET // ALLE KAPITEL

CHAPTER ONE : ULAANBAATAR

Hotel Travel Mongolia Guesthouse, December 2017
Hotel Travel Mongolia Guesthouse, December 2017

 

CHAPTER TWO : HANNOVER

Eine der wegweisenden Arbeiten in ROOMS TO LET//PROLOGUE war das DOKU-Kino. In diesem zeigen Andrea von Lüdinghausen und Mareike Poehling ohne eine festgelegte Abfolge und Zuordnung Fotos ihrer künstlerischen Recherchen. Ein Großteil des gezeigten Bildmaterials stammt aus Ländern wie Kasachstan, Russland, Usbekistan, China und der Mongolei. Zentrale Themen sind (mal irritierende, mal poetisch wirkende) Definitionen von Territorien, sichtbare und unsichtbare Grenzen, verschwundene, verlorene Orte oder der Prozess des Verschwindens derselben.

Die aktuelle Situation in der Mongolei schien diese Fragestellungen auf besonders prägnante Weise zu spiegeln und so entwickelte sich scheinbar zwangsläufig Ulaan Baatar als nächste Station von ROOMS TO LET. Poehling und Lüdinghausen nehmen die Chance wahr, ihre künstlerischen Fragen in Ulaan Baatar neu zu beleuchten. Schauen aus einer anderen Perspektive.

ROOMS TO LET // KAPITEL EINS nähert sich Ulaan Baatar als einem realen Ort, aber –  aus europäischer Perspektive – auch als einem Ort der aufgeladenen Vorstellungen und romantischen Klischees.

Als genau so wichtig empfindet ROOMS TO LET den Dialog mit mongolischen Künstler*innen: Wie empfinden und beurteilen sie die Bedingungen für künstlerische Produktion in ihrem Land? Wie werden Fragen betreffend Skulptur, Fragment, Prozess und Installation gestellt und beantwortet? Wie sehen die mongolischen Künstler*innen Beziehungen zwischen privaten, öffentlichen Räumen?

Kaum zurück aus Ulaanbaatar, beziehen Mareike Poehling und Andrea v. Lüdinghausen einen Satellitenstandort der 88. Herbstausstellung des Kunstvereins Hannover: das Hotel „Arena Suites“. Sie wohnen in ihrer Stadt und sind doch fremd in der austauschbaren Atmosphäre der transitorischen Räume. 
 
Das „eigene Vokabular“ wird gelagert, bereits fertige Arbeiten und Materalien sammeln sich im Hotel-Schrank an. Dazu neue Dinge, von denen sie in Ulaanbaatar glaubten, dass sie in Hannover für die Arbeit nützlich sein könnten – Fundstücke und auf dem Schwarzmarkt erworbene Objekte sowie ein Soundpiece von Godo Bayartsetseg. 
 
Der granitbodene Hotelraum ist fremder Ort zum Schlafen, Materialfundus, Atelier und Ausstellungsraum. Die Oberfläche der Realität macht Realität brüchig. Skulpturen müssen sich messen lassen an der Dominanz türkislasierter Pressspanflächen. Nichts hilft. Weder auratische White-Cube-Atmosphäre noch nostalgischer site-specific Ruinencharme tröstet. 
Dominant bleibt die Tristesse des Raumes. Ein beiges Kunstledersofa und ein Kleenexpapierspender. Dort die großformatigen Fotografien erbrochener Gewölle zu platzieren, erscheint fast zwingend logisch.
 
Das ortsspezifische Arbeiten wird zur Herausforderung. Viele Diskussionen. Risiko: Zwei Pferdetrensen aus frischem Schafsleder stehen auf gedoppelten Kopfkissen unter einem Paar Ikeabildern, das beschwichtigende Kirschblüten zeigt. 
Das ist wie Laufen auf sehr dünnem Eis.
Der Blick geht auf einen Hinterhof, gegenüber sind weitere Zimmer der Arena Suites, bewohnt von Arbeitern auf Montage. Gegenseitiges Beobachten, draussen sitzen, rauchen, duschen, fönen, telefonieren. 
Die Hoteleigentümer besuchen die Künstlerinnen, öffnen weitere Räume wie Keller, Souterrain und weitere Suites. 
Ein Eldorado übriger, abgelegter  Dinge, zur Dekoration aufbewahrt. Im Keller der Boden, bedeckt mit kaputten rauchfarbenen Kronleuchterkristallen aus dem Iran. Sie sollen noch repariert werden. Hier läge ein großer Fundus für kommende Interventionen. 
„Die Künstlerinnen fügen ihrem Hotelraum ihre jeweiligen Referenzsysteme hinzu, es entsteht ein Ensemble aus miteinander kommunizierenden Arbeiten.“ Konzepttext ROOMS TO LET/ Prologue 
Ein paar wenige Dinge werden innerhalb des Hotels umgeordnet und transformiert. Ein Fundstück wandert aus dem Nebenzimmer in die Intervention: in der 80erjahre-Ästhetik des stickigen Raums findet sich neben einem feucht gewordenen, fast unkenntlichem Blumenaquarell eine gerahmte Schwarzweißfotografie über dem Bett. Gezeigt wird eine ausgebombte Staße in der Innenstadt Hannovers. Das Bild findet seinen neuen Platz neben einer Tuschearbeit von Poehling. Der runde Teppich wird ausgebeult, eine schimmelige Matte aus dem Bad über einen Bildschirm gelegt, Ventilatoren geholt und platziert. Die Schrägheit, der Nimbus des Ortes bietet auf den ersten Blick scheinbare Erleichterung, aber tatsächlich wird alles neu auf den Prüfstand gestellt.
Trost spenden vielleicht die unermüdlich im Fernsehbildschirm rödelnden Ziegen, eine Videoarbeit von Lüdinghausen. Sie verbreiten eine geschäftige Selbstverständlichkeit, meckern, säugen, schauen unverwandt, reiben sich sehr heftig und niesen bisweilen. 
Das Hotelzimmer wird nach und nach durchgearbeitet, kleine, große und mittlere Interventionen implementiert. Die Fenster sind bei der Hitze meist offen, es entsteht ein gemischter Sound aus Bayartsetsegs Arbeit, einem gesprochenen mongolischem Text, Motorengeräuschen, Ziegengemecker und -geklapper. Temporär kommt ein weiterer Sound-Level dazu: während eines Konzertes webt der Musiker Raphael Vanoli seinen experimentellen, körperhaften Elektro-Sound -furniture music- in den Raum.
Body Scan / single channel video installation with sound / loop: 2 min / Andrea von Lüdinghausen / 2017
ROOMS TO LET/ exhibition view
documentary cinema / exhibition view

ROOMS TO LET PROLOGUE

 

„Die Ausstellung bewegt sich, nicht ohne leise Ironie, am Rande ihres eigenen Abgrundes.“ Konzepttext ROOMS TO LET / Prologue

 

 

ROOMS TO LET PROLOGUE fand 2017 in der Galerie vom Zufall und vom Glück statt. Die Künstlerinnen entwickelten ein ortsspezifisches Ausstellungskonzept.

 

Mareike Poehling und Andrea von Lüdinghausen lernen sich 2014 kennen, teilen bald ein Studio und entdecken elementare inhaltliche und biografische Gemeinsamkeiten. Beide beschäftigen sich intensiv mit Ländern Zentral-asiens in Theorie und reisender Praxis. Sie betreiben, die eine 1992, die andere fünfzehn Jahre später, fotografische Recherchen, deren Ergebnisse eine seltsam parallele Formensprache zeigen. Beide recherchierten auch unabhängig voneinander ähnliche Themen wie absurde Architekturen, Räume für Tote, Überlandstraßen, museale Räume, Zeichensprache des Öffentlichen Raumes.

 

Lüdinghausen und Poehling legen ihre Fragestellungen für ROOMS TO LET Prologue auf dieser Basis fest: Fragen zu Ausstellungsformen und Produktionsbedingungen künstlerischer Arbeit sowie nach dem Verhältnis von Fundstück zu destillierter Skulptur.

 

 

 

ROOMS TO LET PROLOGUE arbeitet direkt mit dem Ausstellungsraum als Material. Für die Realisierung der Ausstellung leben die Künstlerinnen drei Wochen lang in der Galerie und arbeiten mit den Räumen und den darin eingeschriebenen Bewegungsmustern der BesucherInnen. Sie

verschließen Wege und Treppen und erschließen Hinterräume wie Putzkammer und Stuhllager. Teppiche werden vertikal aufgehängt und lassen ein neues Raumsystem entstehen, architektonische Teile wie Wände, Latten, Markisen und Ytong-Steine werden hinzugefügt. Das Material wird vor Ort gefunden oder kommt aus dem Atelierfundus.

 

In diesen bearbeiteten, transformierten Raum weben die Künstlerinnen ihre eigenen Geschichten in Form von skulpturalen Elementen, Zeichnungen, bewegter und unbewegter Fotografie hinein.

Die Arbeiten mischen sich zuweilen, es gibt Gemeinschaftsproduktionen, andere tragen die deutliche Handschrift einer der beiden Künstlerinnen.

ROOMS TO LET eignet sich die Räume an, transformiert vorhandenes Material und fügt neues hinzu. Danach wird der Raum den BesucherInnen wieder zur Verfügung gestellt.

 

Diese Produktionsform entspricht direkt den inhaltlichen Fragestellungen der Künstlerinnen. Hier liegt der Ausgangspunkt für ROOMS TO LET als Ausstellungsreihe und Arbeitsmethode. Das Atelier in seiner herkömmlichen Form wird in Frage gestellt, ein ständiges Mieten von Raum für Kunstproduktion obsolet.

 

 

 

ROOMS TO LET PROLOGUE

 

„Die Ausstellung bewegt sich, nicht ohne leise Ironie, am Rande ihres eigenen Abgrundes.“ Konzepttext ROOMS TO LET / Prologue

 

 

ROOMS TO LET PROLOGUE fand 2017 in der Galerie vom Zufall und vom Glück statt. Die Künstlerinnen entwickelten ein ortsspezifisches Ausstellungskonzept.

 

Mareike Poehling und Andrea von Lüdinghausen lernen sich 2014 kennen, teilen bald ein Studio und entdecken elementare inhaltliche und biografische Gemeinsamkeiten. Beide beschäftigen sich intensiv mit Ländern Zentral-asiens in Theorie und reisender Praxis. Sie betreiben, die eine 1992, die andere fünfzehn Jahre später, fotografische Recherchen, deren Ergebnisse eine seltsam parallele Formensprache zeigen. Beide recherchierten auch unabhängig voneinander ähnliche Themen wie absurde Architekturen, Räume für Tote, Überlandstraßen, museale Räume, Zeichensprache des Öffentlichen Raumes.

 

Lüdinghausen und Poehling legen ihre Fragestellungen für ROOMS TO LET Prologue auf dieser Basis fest: Fragen zu Ausstellungsformen und Produktionsbedingungen künstlerischer Arbeit sowie nach dem Verhältnis von Fundstück zu destillierter Skulptur.

 

 

 

ROOMS TO LET PROLOGUE arbeitet direkt mit dem Ausstellungsraum als Material. Für die Realisierung der Ausstellung leben die Künstlerinnen drei Wochen lang in der Galerie und arbeiten mit den Räumen und den darin eingeschriebenen Bewegungsmustern der BesucherInnen. Sie

verschließen Wege und Treppen und erschließen Hinterräume wie Putzkammer und Stuhllager. Teppiche werden vertikal aufgehängt und lassen ein neues Raumsystem entstehen, architektonische Teile wie Wände, Latten, Markisen und Ytong-Steine werden hinzugefügt. Das Material wird vor Ort gefunden oder kommt aus dem Atelierfundus.

 

In diesen bearbeiteten, transformierten Raum weben die Künstlerinnen ihre eigenen Geschichten in Form von skulpturalen Elementen, Zeichnungen, bewegter und unbewegter Fotografie hinein.

Die Arbeiten mischen sich zuweilen, es gibt Gemeinschaftsproduktionen, andere tragen die deutliche Handschrift einer der beiden Künstlerinnen.

ROOMS TO LET eignet sich die Räume an, transformiert vorhandenes Material und fügt neues hinzu. Danach wird der Raum den BesucherInnen wieder zur Verfügung gestellt.

 

Diese Produktionsform entspricht direkt den inhaltlichen Fragestellungen der Künstlerinnen. Hier liegt der Ausgangspunkt für ROOMS TO LET als Ausstellungsreihe und Arbeitsmethode. Das Atelier in seiner herkömmlichen Form wird in Frage gestellt, ein ständiges Mieten von Raum für Kunstproduktion obsolet.