Chapter II

CHAPTER TWO
Arena Suites, Hannover, 2018

Chapter Two, Raumansicht, 2018
Chapter Two, Detail, 2018
Chapter Two, Detail, 2018

„Es sieht hier aus wie woanders.“
Zitat/ Konzepttext ROOMS TO LET/ Prologue

Kaum zurück aus Ulaanbaatar, beziehen Mareike Poehling und Andrea v. Lüdinghausen einen Satellitenstandort der 88. Herbstausstellung des Kunstvereins Hannover: das Hotel „Arena Suites“.
Sie wohnen in ihrer Stadt und sind doch fremd in der austauschbaren Atmosphäre der transitorischen Räume.
Das „eigene Vokabular“ wird gelagert, bereits fertige Arbeiten und Materalien sammeln sich im Hotel-Schrank an. Dazu neue Dinge, von denen sie in Ulaanbaatar glaubten, dass sie in Hannover für die Arbeit nützlich sein könnten – Fundstücke und auf dem Schwarzmarkt erworbene Objekte sowie ein Soundpiece von Godo Bayartsetseg.


Der granitbodene Hotelraum ist fremder Ort zum Schlafen,
Materialfundus, Atelier und Ausstellungsraum.
Die Oberfläche der Realität macht Realität brüchig. Skulpturen müssen sich messen lassen an der Dominanz türkislasierter Pressspanflächen. Nichts hilft. Weder auratische White-Cube-Atmosphäre noch nostalgischer site-specific Ruinencharme tröstet.
Dominant bleibt die Tristesse des Raumes. Ein beiges Kunstledersofa und ein Kleenexpapierspender. Dort die großformatigen Fotografien erbrochener Gewölle zu platzieren, erscheint fast zwingend logisch.
Das ortsspezifische Arbeiten wird zur Herausforderung.
Viele Diskussionen. Risiko: Zwei Pferdetrensen aus frischem Schafsleder stehen auf gedoppelten Kopfkissen unter einem Paar Ikeabildern, das beschwichtigende Kirschblüten zeigt.
Das ist wie Laufen auf sehr dünnem Eis.
Der Blick geht auf einen Hinterhof, gegenüber sind weitere Zimmer der Arena Suites, bewohnt von Arbeitern auf Montage. Gegenseitiges Beobachten, draussen sitzen, rauchen, duschen, fönen, telefonieren.
Die Hoteleigentümer besuchen die Künstlerinnen, öffnen weitere Räume wie Keller, Souterrain und weitere Suites.
Ein Eldorado übriger, abgelegter Dinge, zur Dekoration aufbewahrt. Im Keller der Boden, bedeckt mit kaputten rauchfarbenen Kronleuchterkristallen aus dem Iran. Sie sollen noch repariert werden. Hier läge ein großer Fundus für kommende Interventionen.
„Die Künstlerinnen fügen ihrem Hotelraum ihre jeweiligen Referenzsysteme hinzu, es entsteht ein Ensemble aus miteinander kommunizierenden Arbeiten.“ Konzepttext ROOMS TO LET/ Prologue
Ein paar wenige Dinge werden innerhalb des Hotels umgeordnet und transformiert. Ein Fundstück wandert aus dem Nebenzimmer in die Intervention: in der 80erjahre-Ästhetik des stickigen Raums findet sich neben einem feucht gewordenen, fast unkenntlichem Blumenaquarell eine gerahmte Schwarzweißfotografie über dem Bett. Gezeigt wird eine ausgebombte Staße in der Innenstadt Hannovers. Das Bild findet seinen neuen Platz neben einer Tuschearbeit von Poehling.
Der runde Teppich wird ausgebeult, eine schimmelige Matte aus dem Bad über einen Bildschirm gelegt, Ventilatoren geholt und platziert.
Die Schrägheit, der Nimbus des Ortes bietet auf den ersten Blick scheinbare Erleichterung, aber tatsächlich wird alles neu auf den Prüfstand gestellt.
Trost spenden vielleicht die unermüdlich im Fernsehbildschirm rödelnden Ziegen, eine Videoarbeit von Lüdinghausen. Sie verbreiten eine geschäftige Selbstverständlichkeit, meckern, säugen, schauen unverwandt, reiben sich sehr heftig und niesen bisweilen.
Das Hotelzimmer wird nach und nach durchgearbeitet, kleine, große und mittlere Interventionen implementiert. Die Fenster sind bei der Hitze meist offen, es entsteht ein gemischter Sound aus Bayartsetsegs Arbeit, einem gesprochenen mongolischem Text, Motorengeräuschen, Ziegengemecker und -geklapper. Temporär kommt ein weiterer Sound-Level dazu: während eines Konzertes webt der Musiker Raphael Vanoli seinen experimentellen, körperhaften Elektro-Sound -furniture music- in den Raum.